Sexualität als Alibi für Verbote

“Die ganze Debatte läuft in die falsche Richtung”, meinte Jörg Tauss bei seiner Session beim Barcamp zum Jugendmedienschutzstaatsvertrag (jmstvCamp). In seinem Vortrag ging es um den Jugendmedienschutz, der ja bei Lichte besehen nur darin besteht, dass Kinder und Jugendliche von allem, was mit Sex zu tun hat, ferngehalten werden.

Gestern war Walpurgisnacht, da reiten die Hexen auf ihren Besen durch die Nacht. Das haben sie so richtig toll zuletzt vor fast 700 Jahren gemacht. Danach war es mit der weiblichen Sexualität vorbei, die keusche Jungfrau Maria übernahm das Regiment. Mit den Folgen quälen wir uns noch heute herum. In Form von Tabus und der Vorstellung, man müsse Kinder und Jugendliche und am besten auch noch Erwachsene schützen – vor allem, was mit Sexualität zu tun hat.

Tauss meinte, der Jugendschutz sei immer nur der Schutz der Kinder und Jugendlichen vor der Sexualität, speziell jetzt im Internet. Dieser “Schutz” ist eigentlich gar kein Schutz, er bedeutet nämlich nur, dass versucht wird, alles Sexuelle von Kindern fernzuhalten bis sie 14 sind. Dann kann es langsam ein bisschen losgehen, aber so richtigen Sex zum Schauen und Mitmachen gibt es erst ab 18. So denken sich das die oft selbsternannten Jugendschützer und ihre Sympathisanten.

Jugendschutz (also das bloße Fernhalten von allem, was mit Sexualität zu tun hat), das ist ein Bereich, wo sich viel Geld kassieren lässt. Der Staat und die Länder lassen sich diesen einfallslosen “Schutz“ der Jugend etwas kosten.
Entwickelt sich ein Mensch besser, wenn er sich 14 oder 18 Jahre lang nicht mit Sexualität befasst oder nur ganz heimlich? Haben die Leute, die Sex mit allen Mitteln aus dem Leben ausklammern, die Vorstellung, dass Sex etwas Schlimmes ist? Man könnte es fast meinen.

Abwehr und Verdammung von Sex, wollen wir so leben? Nein.

Wie in mehreren anderen Sessions auch, fragte man nach Studien, die vielleicht belegen könnten, welche fürchterlichen Folgen es gibt, wenn ganz junge Leute mit Sex konfrontiert werden. Anscheinend gibt es da nichts. Alles nur ein Mythos?

Es gibt allerdings sehr wohl ein Tabu. Ich zum Beispiel glaube, dass zwei Drittel aller Männer gern mal einen Pornofilm anschauen und das auch tun. Und die Hälfte der Frauen auch. Machen uns die Filme eigentlich deshalb so geil, weil sie verboten sind, tabu, geheim, die Fantasie gewaltig ankurbeln und so Sachen? Das müsste man auch mal untersuchen.

Wenn also so viele Menschen Pornos anschauen, warum machen wir sie nicht zum Thema, warum reden wir nicht über das, was Teil unseres Alltags ist? Jeder schaut es, aber keiner redet davon. Wie seltsam.

Würden wir die Porno-Guckerei gesellschaftlich zum Thema machen, so wie damals die Frauen mit ihrer Ich-habe-abgetrieben-Kampagne oder die Missbrauchten, die an die Öffentlichkeit gingen oder die Schwulen, die ihre sexuelle Orientierung auch irgendwann öffentlich machten, dann . . . . ja dann ließe sich die Pornografie nicht mehr so leicht instrumentalisieren um Verbote (im Internet) durchzusetzen.

http://www.readers-edition.de/2009/06/23/pornographie-mit-kindern-wird-als-waffe-missbraucht-joerg-tauss-im-deutschlandfunk-interview

PS.: Ich bin im Übrigen der Meinung, das Sexualität für den Staat etwas sehr gefährliches ist. Etwas schwer Beherrschbares, weil es weitgehend im Kopf stattfindet. Und je mehr da Unterdrückung passiert, desto fügsamer die Menschen. Wer freie Sexualität zulässt, erlaubt, dass die menschliche Fantasie expandiert wie bei einer Atomexplosion. Und wer gewöhnt ist zu fantasieren, dem fallen auch sonst schon mal Sachen ein, die sehr ungewöhnlich sind und die bestehende Ordnung angreifen.
Ausschweifender Sex hält von der Arbeit ab. Das ist nicht erwünscht. Die Sexualität will der Staat in der Ehe gebändigt und unter Kontrolle wissen. Deshalb ist es ja auch so beschissen zu heiraten. Na ja, für die meisten, nicht für alle.

PPS.: Kommentare, die die Causa Tauss behandeln, sind hier unerwünscht und werden gelöscht. Besonders, wenn sie immer von demselben kommen. In diesem Beitrag geht es um Jugendschutz und den passenden Staatsvertrag, sonst nichts.

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