Wie blöd kann man sein! Für ein Kaiser-Denkmal ein 600 Jahre altes Kloster abgerissen. Denkmal wenig später eingeschmolzen.

Das Aachener Stadtarchiv zeigt aus seinen Magazinen monatlich dankenswerterweise interessante Stücke als Archivale des Monats. Das Archivale des Monats Oktober zeigt den Titel der Speisekarte, die am 18. Oktober 1901 nach der Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals für das Frühstück mit Kronprinz Wilhelm im städtischen Kurhaus an der Kurbrunnenstraße gedruckt wurde. 

Während der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. gab es innerhalb des Bürgertums ein stark ausgeprägtes Nationalbewusstsein. Sogenannte Nationaldenkmäler, welche die Größe der Nation darstellen sollten, verliehen dieser mentalen Haltung materiellen Ausdruck. Im ganzen Deutschen Reich entstanden damals Reiterstandbilder, die den ersten Kaiser nach der Reichsgründung 1871 zeigten: Wilhelm I., den Großvater Wilhelms II. 

Auch im katholisch geprägten Aachen, dem nachgesagt wurde, dass es Rom oft näherstand als Berlin, gab es eine solche, vor allem von protestantischen Honoratioren ins Leben gerufene Initiative. Im Jahr 1895 wurde in Aachen und Burtscheid ein „Comité zur Errichtung eines Kaiser-Wilhelm-Denkmals in Aachen“ gebildet. Die Stadtverwaltung und der Rat unterstützten das Vorhaben. Bald schon wurden Einladungen ausgesprochen, Aufrufe gemacht und beachtliche Summen zur Errichtung des Denkmals eingesammelt. Verschiedene Standorte für das Denkmal wurden diskutiert; ein eigens einberufenes Gremium stimmte in einer Wahl mit großer Mehrheit für den Theaterplatz: wegen der Lage und der damit verbundenen starken Präsenz des Denkmals im Stadtbild.

Um die Aufstellung des Denkmals überhaupt möglich zu machen, war es notwendig, den Theaterplatz selbst zu verändern. Hierzu musste das seit 600 Jahren an der Ecke Theaterplatz/Kapuzinergraben stehende Kloster der Christenserinnen abgerissen werden. Die Stadt konnte relativ geräuschlos mit dem Kloster einen Vergleich schließen, sodass die Schwestern 1899 ihr Stammhaus verließen und in die ehemalige Jesuiten-Niederlassung an der Aureliusstrasse zogen.

Schon 1896 hatte das „Comité“ einen Entwurfs-Wettbewerb zur Errichtung des Denkmals ausgelobt, aus dem Fritz Schaper (Berlin) im November 1898 als Sieger hervorging. Das nach seinem Entwurf gefertigte Reiterdenkmal stand auf einem Sockel aus bayrischem Granit mit dem Kaiser zu Pferde, in Generalsuniform, Mantel und Helm. An den beiden Seiten des Sockels waren allegorische Figurengruppen angebracht, die zu Brunnenanlagen ausgebildet waren. Reiterstandbild und Figurengruppen wurden aus Bronze gegossen.

Das Denkmal wurde am 18. Oktober 1901 von Kronprinz Wilhelm, dem ersten Sohn Wilhelms II., feierlich enthüllt. Er vertrat seinen Vater, den Kaiser, weil dieser noch um seine im August verstorbene Mutter, Kaiserin Victoria, trauerte. Die ganze Stadt war auf den Beinen, um das etwa 13 Meter breite und zehn Meter hohe Reiterstandbild, das 250.000 Mark gekostet hatte, zu bestaunen. Nach der Enthüllung nahm der Kronprinz mit ausgewählten Gästen ein Frühstück im städtischen Kurhaus in der Kurbrunnenstraße zu sich, bei dem unter anderem Austern, warme Langusten mit frischer Butter, Rehrücken und Ananasfrüchte, alles begleitet mit passenden Weinen und Champagner, gereicht wurden. Ein musikalisches Begleitprogramm rundete die Tafel ab.

Das Archivale des Monats zeigt den Titel der zu diesem Anlass gedruckten Speisekarte.

Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal existiert nicht mehr. Im August 1942 wurde es mit einigen anderen Denkmälern zum Schutz vor den Bombenangriffen demontiert und auf dem Turnierplatz in der Soers eingelagert. Im März 1943 wurden die Bronzefiguren zugunsten der Kriegswirtschaft abgegeben und eingeschmolzen; der noch vor dem Theater stehende Sockel des Denkmals wurde nach Kriegsende demontiert. An seine Stelle trat 1963 der „Fröhliche Hengst“ von Gerhard Marcks. (hier und hier)

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Quelle:  Stadtarchiv Aachen, PRZ 12-28, fol. 411 Lepper, Herbert: Das „Kaiser-Wilhelm-Denkmal“ zu Aachen – Ein Beitrag zur Repräsentanz nationaler und monarchischer Gesinnung im rheinischen Bürgertum während der Wilhelminischen Ära, in: Aachener Kunstblätter, Bd. 59 (1991/1993), S. 295-333

Die Speisekarte zum Fest-Frühstück. Darauf abgebildet: der Kaiser hoch zu Roß in Generalsuniform, Mantel und Helm. Die Begeisterung der Aachenerinnen und Aachener für häßliche Bronze-Denkmale ist also keine Erscheinung der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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