Vor 50 Jahren: Das Ende der Selbstbestimmung

Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen eröffnete gestern die Ausstellung „Alle für eine?“ im Centre Charlemagne. Marc Teuku von der Fraktion „Zukunft“ dokumentierte die Vorgänge in Wort und Bild.

An ein (dunkles) Kapitel Aachener Geschichte erinnert jetzt eine Ausstellung im Centre Charlemagne in Aachen. „50 Jahre kommunale Neuordnung“ kann Aachen feiern. Den vor 50 Jahren ihrer Selbstständigkeit beraubten heutigen Stadtteilen war damals gar nicht zum Feiern zumute. Im Gegenteil.

Ob Aachen, Monschau, Heinsberg oder Heimbach: Anfang der 70er Jahre wurde ganz NRW neu zugeschnitten. Aus vielen einzelnen Gemeinden in NRW wurden wenige große. Die Kleinen wehrten sich wie bekloppt, es gab Protestversammlungen zu Hauf und Prozesse bis in die höchsten Instanzen. Allein: Es wurde nichts erreicht.

Die kleine Ausstellung in Aachen zeigt Dokumente aus den eingemeindeten Stadtteilen – aus Brand, Eilendorf, Haaren, Kornelimünster, Laurensberg, Richterich und Walheim. Die wurden durch die Eingemeindung zu neuen Stadtteilen der Stadt Aachen. Das sogenannte Aachen-Gesetz, mit dem die Neugliederung des Kreises Aachen beschlossen wurde, trat am 1. Januar 1972 in Kraft. Aachen wuchs dadurch nicht nur auf etwa das Dreifache seiner Fläche, sondern gewann auch rund 63.000 Einwohner hinzu.

Die von technokratischen Verwaltungsjuristen erfundene Neuordnung wurde vor 50 Jahren durchgesetzt und sie gilt es bis heute. Die Ex-Gemeinden haben sich in das Unabänderliche gefügt, Neubürger*innen wissen schon gar nicht mehr, was damals eigentlich geschah und warum sie mit dem Gefühl leben, nicht wirklich teilhaben zu können an der lokalen Politik.

Ziel der Zusammenlegungen war nicht die Stärkung der Demokratie, Ziel war die Optimierung der Verwaltungseffizienz. Es wurde zum Beispiel ausgerechnet, dass sich die Anschaffung einer Schreibmaschine eigentlich nur lohnt, wenn eine bestimmte Menge Seiten täglich auf ihre geschrieben werden. So wurde alles – teils absurd – durchkalkuliert – zum Schaden der Selbstbestimmung, zum Schaden der Demokratie.

Es gab nach der Neugliederung in den Gemeinden keine Ratsvertreter*innen mehr, die jede/r im Ort kannte, mit denen man vielleicht sogar zur Schule gegangen war und sich nicht scheute, sie anzusprechen. Die Hälfte der Gemeinderäte und damit ein großes Potential an bürgerschaftlichem Engagement wurde einfach nach Hause geschickt. Die andere Hälfte durfte in den – letztlich weniger einflussreichen Bezirksvertretungen – über die Geschicke des eigenen Ortes zu bestimmen versuchen. Tatsache war: Man musste sich plötzlich mit allen Anliegen nach Aachen wenden, dort entschieden irgendwelche Leute, die niemand kannte.

Die kleinen Gemeinden wurden in NRW (Bayern hat einen derartigen Verlust der Eigenständigkeit seinen Gemeinden niemals zugemutet) angeblich „gerüstet“ für einen besseren Vollzug von Bundes- und Landesgesetzen. In Bayern haben 74 Prozent aller Gemeinden unter 5000 Einwohner, in NRW gibt es nur 0,8 Prozent aller Gemeinden unter 5000 Einwohner. Die Durchschnittliche Gemeindegröße in NRW ist 45.600. Die in Bayern ist 6.000, in Baden-Würtemberg 9.500 (Zahlen aus 2001).

Je größer eine Gemeinde ist, desto mehr Anonymität gibt es mit allen damit verbundenen Missständen und Kosten, die durch die Anonymität entstehen. Es wird den Bürger*innen schwerer, sich mit ihrer Gemeinde zu identifizieren, sie werden gleichgültiger.

Ein schmerzlicher Vorgang ist es, wenn man von einer selbstständigen Gemeinde zu einem Stadtteil degradiert wird. Es ist so wie wenn ein erwachsener Mensch plötzlich einen Vormund bekommt, der letztlich alles entscheidet. Das hatten zuvor – nebenbei erwähnt – in Aachen schon Burtscheid und Forst erlebt. Da sollte man doch meinen, an derartige Vorgänge von Identitätsverlust sei man gewöhnt. Aber nein.

Bereits 1897 wurde die Stadt Burtscheid mit der Stadt Aachen zusammengeschlossen, 1906 folgte die Eingemeindung der Gemeinde Forst. Auch dazu gibt es Dokumente in der Ausstellung.

***

In der Ausstellung (zu sehen bis 14. August) werden Dokumente verschiedenster Art gezeigt: Pläne und Karten, Foto- und Filmmaterial sowie Einrichtungsgegenstände aus den alten Gemeindesälen und Modelle historischer Gebäude. Infografiken und Karten erläutern wichtige Aspekte, darüber hinaus gibt es Zeitzeugeninterviews mit Beteiligten aus Politik und Verwaltung. Der Begleitband zur Ausstellung kostet 18,80 Euro.

Die Schau „Alle für eine?“ entstand in enger Zusammenarbeit mit den Heimat- und Geschichtsvereinen der eingemeindeten Orte. Öffnungszeiten im Centre Charlemagne am Katschhof: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 10 bis 20 Uhr. Eintritt: 6 Euro, Besucher*innen unter 20 Jahren frei.

Ein Stück aus der Ausstellung, im Stil einer Todesanzeige: Der freien Gemeinde Walheim wurde vom Oberverwaltungsgericht in Münster mitgeteilt, dass sie ab sofort nur noch ein Stadtteil von Aachen sein darf. Als einen schweren „Schicksalsschlag“ für die Demokratie empfanden die Bürgerinnen und Bürger den Verlust der Selbstständigkeit und das war es auch.

Über AachenNews.org

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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