Jetzt wissen wir also, dass in der arabischen Welt über einen möglichen Angriff auf den Iran diskutiert wird. Und dass die Saudis insbesondere am liebsten hätten, dass die Amerikaner den iranischen Mullas sofort den Kopf abhauen. Ich zumindest hätte das nicht vermutet.
Wir wissen auch plötzlich, wie wichtig es dem europäischen politischen Personal ist, was die Amerikaner über sie denken. Wirklich alle europäischen Zeitungen haben über WikiLeaks und die Depeschen berichtet. Mannomann, so wichtig ist allen die Einschätzung durch die Amerikaner. Sagenhaft.
Und: Wir wissen, dass die Amerikaner offenbar davon überzeugt sind, dass Premier Erdogan in der Türkei sein Land in einen islamischen Gottesstaat verwandeln will. Und dass sie ihn für korrupt halten. DuliebeGüte, mir bleibt jetzt noch fast das Herz stehen vor Aufregung. Obwohl alles schon eine Woche lang öffentlich ist und heute der “Spiegel” wohl wieder neue Informationen bringt.
Überhaupt der “Spiegel“. Das ehemalige Nachrichtenmagazin enttäuscht mal wieder. Sie haben den Klatsch und Tratsch groß rausgebracht, während der “Guardian” in England deutlich mehr davon gebracht hat, was POLITISCH relevant ist.
WikiLeaks hat Rohmaterial geliefert, und zwar an die seriösesten Zeitungen in Europa. WikiLeaks hat sich nicht die Herkules-Aufgabe angetan, das Material zu sortieren und zu bewerten. Das haben sie Profi-Journalisten überlassen, und das ist gut so. Der “Spiegel” musste nachgedruckt werden, so viele wollten ihn kaufen. Der ganze Vorgang zeigt, wie die hiesige Presse von WikiLeaks profitieren könnte.
Wir wissen nun auch, dass die USA ein großes Informationsnetz ausgebreitet haben, das Ergebnisse bringt wie ein Geheimdienst. Das ist Spionagetätigkeit, was die Diplomaten und ihre Mitarbeiter machen. Bis hin zu biometrischen Daten sollen sie alles melden. Wenn erst mehr Dokumente kommen, werden wir sehen, dass es astrein geheimdienstliche Tätigkeiten sind, für die Diplomaten eigentlich nicht zuständig sind. Hillary Clinton will, dass Leute ausspioniert werden.
Wir wissen, das der König von Bahrain die Amerikaner aufgefordert hat, einen finalen Schlag gegen das iranische Regime zu tätigen. Das ist wissenswert. Es ist gut zu wissen, auf welcher Seite die Araber stehen. Mir war das bis dato gar nicht klar. Wobei natürlich immer berücksichtigt werden muss, dass auch die Diplomaten irren können, wie im Falle der Einschätzung von Erdogan, wo sie vermutlich in einigen Punkten schwer daneben liegen.
Wissen ist besser als Nichtwissen. Wissen macht das Leben besser, es macht unsere Welt letztlich besser. Auch wenn im ersten Moment peinliche Situationen entstehen, weil das Wissen erst mal verdaut werden will. Man sollte jetzt nicht alle Kanäle verstopfen, sondern überlegen, wie man gut mit dem Wissen umgeht. Es wird sich künftig nicht verhindern lassen, dass das rauskommt, was mächtige Menschen (in Politik und Bankenwesen) geheim halten möchten. Damit wird man leben müssen. Es ist zu begrüßen, wenn mehr offen kommuniziert wird, wenn alle mitdenken.
Und die Frage vor der Veröffentlichung muss immer lauten: Ist es politisch relevant? Ist es relevanter politischer Stoff? Ich erinnere daran, dass nach der Veröffentlichung der Steuergelder-CDs in Lichtenstein und der Schweiz die Gesetze in Richtung Doppelbesteuerung geändert wurden. Die Veröffentlichung hat etwas Gutes bewirkt, da vorher etwas sehr schlecht geregelt war.
Wir werden nicht mehr auf die Macht des vernetzten Wissens verzichten wollen.
Entdecke mehr von AachenNews
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.








