Viele Anfragen von Unternehmen, die sich in Aachen erweitern oder neu ansiedeln wollen, erreichen Jahr für Jahr die Stadtverwaltung. Über 100 von 140 Anfragen müssen negativ beschieden werden. Der Grund: Kein Platz.
Zwischen 2016 und 2025 gingen bei der Stadt Aachen 1.412 Gewerbeflächenanfragen ein – durchschnittlich mehr als 140 pro Jahr. Im ersten Halbjahr 2026 kamen bereits rund 70 weitere Anfragen hinzu. Gleichzeitig konnten zwischen 2020 und 2025 im Schnitt nur rund 20 Anfragen pro Jahr erfolgreich vermittelt werden.
Wenn man also genau weiß, dass Aachen dringend Platz für Industrieansiedlungen und Wohnungen braucht, was ist da mit den altindustriellen Flächen im Ortsteil Rothe Erde anzufangen? Rothe Erde sollte sich als Wirtschaftsstandort neu erfinden, davon sind jedenfalls die Spitzen der Stadtverwaltung, der örtlichen Industrie und der RWTH, sowie Vertreter der Kammern und Verbände überzeugt.
Rothe Erde wird sich tatsächlich neu erfinden, die Vorbereitungen dazu sind in vollem Gange. Das wurde jetzt bei der Veranstaltung WERK.STADT ROTHE ERDE klar, die jüngst in der alten Industriehalle der Firma Strang stattfand und zu der Oberbürgermeister Dr. Michael Ziemons fast 200 Gäste begrüßen konnte. Übrigens auch NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur, die Geld aus der Landeskasse rüberschicken wird und sowieso der Ansicht ist, dass „in Aachen das erforscht wird, worauf die Welt wartet“.

Aber: Spitzentechnologie müsse in Aachen nicht nur entwickelt werden, „Spitzentechnologie muss in die Produktion kommen“, so Neubaur. Das wünschen sich nicht nur der OB und die Ministerin, das wünscht sich insbesondere auch Thomas Hissel, Beigeordneter für Wirtschaft in Aachen. Er erinnerte in seinem Vortrag an Zeiten, als in Rothe Erde Stahl produziert wurde, später Autoreifen und andere Gummiprodukte, dann Bildröhren und Lampen.
Und jetzt? Jetzt setze man auf neue Technologien und innovative Produktion, Computertechnologie und Deep-Tech.
Aachen könne all die Ausgründungen aus der – in diesem Punkt höchst produktiven – RWTH nicht halten, sie wandern ab nach Baden-Württemberg oder gleich ins Ausland. Die Versammelten wurden von Hissel mehrfach daran erinnert, dass Aachen von Firmen, die nicht hier ansässig sind, auch keine Gewerbesteuer kassieren kann und dass also der alten Kaiserstadt Millionen durch die Lappen gehen, wenn sie Unternehmen dauernd sagen muss: Sorry, wie haben leider keinen Platz für euch. Von den fehlenden Arbeitsplätzen gar nicht zu reden.
Aachen muss Lebensqualität bieten
Wo heutzutage Unternehmen ansiedeln, muss es – so Hissel – auch genügend Wohnungen, Kitas, passende Schulen und Freizeit- und Kulturangebote geben. Wer siedelt als Ingenieur in der Familiengründungsphase schon gern in einer Stadt, wo um 20 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden, man keine Parkplätze oder Grünflächen und schon gar keine passende Wohnung findet und auch sonst nichts los ist. Niemand.
IHK-Präsidentin Gisela Kohl-Vogel, Dr. Raymund Heiliger, Präsident der Vereinigen Unternehmerverbände und insbesondere Norbert Hermanns von der Landmarken AG betonten, in Aachen gebe es eine gute Situation: viel Technologie-Kompetenz durch Hochschule und Fachhochschule, die jedes Jahr 8000 Absolventen ausstoßen. Unternehmen suchten Fachkräfte und Flächen, beides müsse Aachen bieten.
Geschwindigkeit spielt eine große Rolle, das wußten die Experten und bedauerten die in den letzten etwa 10 Jahren total künstlich verkomplizierten Genehmigungsprozesse und Vorschriften. Der Brandschutz z. B. sei völlig entglitten, so kompliziert, dass jedes Bauen ins Unendliche verzögert werde. Zu vieles werde durch quasi unerfüllbare Vorschriften und DIN-Normen teuer und unmöglich gemacht. Es liege nicht an der Stadtverwaltung, dass die Dinge ewig nicht fertig werden, es liege an den Vorschriften, die übermenschliche Anstrengungen erforderlich machten.
Ideale Flächen für Ansiedlungen gibt es in Rothe Erde: das C-WERK (Ex-Continental), das Hutchinson-Areal, den TRIWO-Park und städtische Flächen. Wie das revitalisierte Quartier (350.000 Quadratmeter) einmal aussehen werde, das stellte Dieter Begaß, ebenfalls Wirtschaftsförderer bei der Stadtverwaltung, anschaulich dar. Seine Ausführungen zum Nutzungs- und Strukturkonzept sind zum Teil in einer Vorlage für die Aachener Kommunalpolitiker*innen enthalten. Sie werden am Mittwoch, 9. September, in der Bezierksvertretung Aachen-Mitte und im Wirtschaftsausschuss beraten.
Vier Leitlinien stechen dabei heraus: das „produktive Band“, die Vennbahn-Achse, quartiersinterne „Work-Loops“ und ein „grüner Rahmen“. Produktion soll sichtbar werden, neue Begegnungsorte sollen entstehen und das ganze Industrieareal mit seiner Umgebung verbunden werden.
In einer spannenden Talkrunde sprachen schließlich Dr. Robert Brüll von FibreCoat, Prof. Dr.-Ing. Michael Riesener von der RWTH Aachen, Sebastian Schall von Black Semiconductor und Dieter M. Begaß über Technologien der urbanen Produktion von morgen und was sie für Aachen bedeuten.
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