Der Verlierer ist manchmal der Gewinner

In seiner Geschichte “Der Zweikampf” schildert Heinrich von Kleist ziemlich wortgewaltig ein Phänomen, was ich gerade auch beobachte. Die Geschichte spielt “am Ende des 14. Jahrhunderts”,  ist also ins Mittelalter verlegt worden: Da wird eines nachts ein edler Ritter von einem kunstvoll gestalteten Pfeil getroffen und getötet. Kein Mensch weiß, wer der Mörder ist. So weit, so Tatort.

Die Gattin des Ermordeten lässt in den entsprechenden Werkstätten ganz Deutschlands nachfragen, wer denn den Pfeil angefertigt hat und ob derjenige Handwerker noch weiß, wem er ihn verkauft hat. Und es findet sich der Handwerker und der sagt, ein ganzes Schock Pfeile dieser Art hat er dem Bruder des Ermordeten, dem Grafen Jakob dem Rotbart verkauft.
Der Graf Jakob der Rotbart sagt: Er sei nicht der Mörder, er hätte zwar ständig Streit mit seinem Bruder gehabt, wie jeder weiß, aber soweit wäre er nie gegangen. Vor Gericht erklärt der Mann, er sei in der fraglichen Nacht heimlich bei einer Frau gewesen. Stundenlang. Und er nennt auch den Namen der Dame.
Und die (Witwe, Mutter zweier kleiner Kinder, prominent, sehr reich und hochangesehen) mochte den Grafen Jakob noch nie. Sie kriegt aber zuhause den Ärger ihres Lebens, denn im familiären Umkreis war man davon ausgegangen, dass sie sich nicht heimlich nachts mit einem Typ wie dem Grafen Jakob trifft und mit dem rumvögelt.
Sie wird bei Nacht und Nebel zuhause rausgeworfen und rennt – völlig fertig – wegen der gemeinen Anschuldigung und dem Zoff, den sie jetzt mit ihren Leuten hat – zu einem Vertrauten, zum Grafen von Trota, der sie schon immer gut leiden mochte.  Dieser Gentleman nimmt sie auf und glaubt ihr, dass sie noch nie im Leben mal eine Nacht mit dem Grafen Jakob dem Rotbart verbracht hat. Nie.
Die Geschichte ist an dieser Stelle juristisch schön verwickelt und Aussage steht gegen Aussage. Wegen der Prominenz der Protagonisten wird das höchste deutsche Gericht bemüht, es wird alles schön dramatisch geschildert. Und ich muss schon weit ausholen, um das Phänomen sichtbar zu machen, was jetzt geschildert wird.
Man verständigt sich nämlich, wie im Mittelalter bei nicht klärbaren Rechtsfällen üblich, auf ein Gottesurteil. Das wurde als Zweikampf ermittelt. Der Sieger im Zweikampf galt als derjenige, der die Wahrheit gesagt hatte. Das funktionierte damals sehr gut, wohl weil derjenige, der im Besitz der Wahrheit ist, härter und besser kämpft als der Lügner, der große Angst vor der Strafe Gottes hatte. In dem Bewusstsein, unschuldig zu sein oder auf der richtigen Seite zu stehen, kämpft es sich besser und erfolgreicher.
Jakob der Rotbart und der Graf von Trota wollen gegeneinander antreten. Der Jakob: weil er sagt, ich habe mit der Frau geschlafen und kann der Mörder meines Bruders nicht sein. Der Graf von Trota: weil er sagt, du hast mit der Dame nie geschlafen, du bist ein mieser Typ, der die Ehre einer Frau in den Dreck zieht.
In dem Kampf, der von hunderten Menschen auf extra aufgerichteten Tribünen beobachtet wird, geschieht folgendes: Der Graf von Trota verletzt den Rotbart mit dem Schwert nur ein bisschen am Arm. Der Rotbart aber bricht dem Grafen alle Knochen, fügt ihm noch Stiche in den Leib zu und setzt am Ende den Fuß auf den am Boden liegenden Mann. Der Sieger ist klar.
Doch der am Boden liegende Mann wird von seinen Schwestern und seiner Mutter gepflegt und erholt sich von Tag zu Tag. Während gleichzeitig die kleine Ritzwunde am Arm des Rotbart sich böse entzündet, zu eitern beginnt, immer mehr eitert, der Arm muss amputiert werden und die Entzündung und Vereiterung wird nur immer noch größer.
Das ist es, was man erleben kann: Der Sieger ist am Ende der Verlierer, und wer zunächst der Verlierer zu sein schien, ist in Wirklichkeit der Gewinner. Und das, nachdem beide Positionen  sonnenklar zu sein schienen. Wie krass hat man nicht schon “Verlierer” (Personen oder ganze Völker) am Boden liegen sehen, abgeurteilt, fertig gemacht von und vor der Öffentlichkeit, ihres guten Rufs beraubt und enteignet. Und dann wendet sich das Blatt. Was kein Mensch mehr angenommen hätte, geschieht. Der “Sieger” im Streit verliert alles, der “Verlierer” erholt sich und feiert ein Comeback.

Bei Wikipedia:
Ein Gottesurteil (lat. ordalium) oder Ordal ist eine durch ein übernatürliches Zeichen herbeigeführte Entscheidung in einem Rechtsstreit. Dabei liegt die Vorstellung zugrunde, ein höheres Wesen greife im Zusammenhang eines Rechtsfindungsprozesses ein, um den Sieg der Gerechtigkeit zu garantieren.
Der Gerichtskampf oder gerichtliche Zweikampf (lat. duellum) war ein Rechtsinstitut im Mittelalter und diente zur Klärung von in anderer Form nicht lösbaren Streitigkeiten, vorrangig unter Rittern und freien Bürgern.

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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2 Antworten zu Der Verlierer ist manchmal der Gewinner

  1. business promotion schreibt:

    Vielen Dank für das Schreiben dieses, es war unbelieveably informativ und erzählte mir eine Tonne

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  2. Henning schreibt:

    Schöner und interessanter Text. Dass das damals mit dem Gottesurteil so gut funktioniert haben soll, weil man mit dem Recht auf seiner Seite besser kämpfen kann, halte ich allerdings doch für ein wenig optimistisch…
    VG,
    Henning.

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