Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge XI

In einer Schule spreche ich – vermittelt durch die Bürgerstiftung Aachen – (ehrenamtlich) mit jungen Flüchtlingen über die Wohnungssuche. Wir lesen Wohnungsanzeigen und sprechen darüber, wie groß eigentlich 24 und wie groß 77 Quadratmeter sind, was überhaupt ein Quadratmeter ist und darüber, welche Preise akzeptabel sind. Alle sind sehr interessiert, stellen Fragen. Ein Junge ist schon 18 und wohnt allein. Er kann aus Erfahrung vom Vermieter und vom Heizen berichten, und das ergänzt meine Ausführungen zufällig perfekt.

Ich versuche zu erklären, was Nebenkosten sind, denn das ist allen restlos unbekannt. Ich spreche vom Heizen, und schon sagt ein Junge zu dem, der schon eine Wohnung hat: „Bei dir ist es immer zu warm.“ – „Ja“, sagt der nächste, „ist mir auch schon aufgefallen, viel zu warm bei dir.“ Ich warte kurz, bis sie sich darüber genug ausgetauscht haben und erkläre, dass, wenn man sich im Winter einen Pullover anzieht und die Heizung nicht immer ganz aufdreht, man Geld zurückbekommt. Denn ich weiß, dass sie an Spartipps das allergrößte Interesse haben.

Die Nebenkosten sind ein dankbares Thema. Jemand fragt, ob man sich nicht clever zusätzlich selbst ein Heizgerät kaufen kann. „Klar“, sag ich, „kannst du machen, ist dann aber doof. Dann musst du nämlich bei Strom nachbezahlen“. Alle lachen, und ein Junge besteht darauf, mir anhand von zwei Zeichnungen (Kreise) zu erklären, wieso es also unsinnig ist, sich ein stromfressendes Heizgerät aufzustellen. Danach sprechen wir kurz über Energielieferant Stawag und wie Strom und Wasser abgerechnet werden. Es ist ihnen ALLES vom Verfahren her und auch sonst total neu.

Einer, ein junger Afrikaner, wird bald 18, ist dann volljährig und muss aus dem Heim ausziehen. Das will er auch. Hoffentlich gibt es für ihn einen Paten, der eine Wohnung findet, denke ich ziemlich sorgenvoll.

Immer, wenn das Gespräch gerade gut läuft, so mein Eindruck, müssen die Herrschaften zu „Biologie“ und sind dann hin und her gerissen zwischen: „Wir fragen, ob wir Biologie ausfallen lassen können“ und „Biologie ist auch wichtig“. Immer geht Biologie vor, das nervt mich. Tatsache ist aber, dass ich meinen „Unterricht“ nicht so gebaut habe, dass ich nach einer Stunde zu einem gewissen Ende komme. Wie man das macht? Keine Ahnung.

Man könnte jetzt fälschlicherweise meinen, es handelt sich um Jugendliche, die  ganz so sind wie die Hiesigen. Weit gefehlt, weit gefehlt.

Es sind Jugendliche, vor deren Augen Eltern oder Lehrer in den Kopf geschossen und getötet wurden, deren Geschwister vor ihren Augen vergewaltigt wurden, die unterwegs in kleinen Kisten – tagelang eingezwängt – transportiert wurden, die z. B. Toten die Schuhe ausgezogen haben, um selbst in Schuhen durch ein Gebirge weitergehen zu können, die unterwegs wochenlang in dunklen Kellern gesessen haben aus Angst, zurückgeschickt zu werden, die immer wieder illegal niedrigste und erniedrigende Arbeiten gemacht haben um das Geld für die nächste Etappe in Richtung Europa zu verdienen, die meistens lügen mussten, um weiterzukommen. Die nachts nicht schlafen können, von Albträumen gequält. Oder nicht anders können, als alles zu verdrängen und dir erzählen: „Ich wollte einfach mal die Welt sehen hahaha.“

Das alles wird berichtet, kann ich hier aber nicht ausführlich schildern. Fabio Geda hat eine wahre Fluchtgeschichte aufgeschrieben in seinem Buch „Im Meer schwimmen Krokodile“. Es ist ein atemberaubendes Buch. So und ähnlich verlaufen – nach meinem Eindruck – die Fluchten.

(Wird fortgesetzt)

Folge X der Serie findet ihr hier

Über AachenNews

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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2 Antworten zu Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge XI

  1. Pingback: Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge XII | Aachen. Kommentierte Infos.

  2. Gast schreibt:

    Dein Engagement und deine Leidenschaft sind einfach Bewundernswert. Danke für deine tollen Berichte!

    Gefällt mir

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