burnout und proaktiv

Bei Nacht und Nebel bin ich nach Köln gefahren, an einem Freitag, abends. Dort war in der Innenstadt und am Bahnhof so viel los, als wäre beispielsweise in Aachen Heiligtumsfahrt, Weihnachtsmarkt und Bend an einem Tag. Es war wie in Istanbul: Viele Leute, viele Autos, toll was los.
Es sollte einen Vortrag geben von einem Professor über „Die Auswirkungen von Überwachung: Zur Psychologie des Sich-verantworten-müssens“.
Tja, das zu diskutieren, da geht unsereiner meilenweit. Ist ja klar.

Als es dann losging mit dem Vortrag, stellte sich raus: Es ging komplett um „soziale Kompetenz im Arbeitsleben“.
Ist gar nicht mein Thema, war aber trotzdem interessant.

Der Professor war keine 30 Jahre alt, nach meiner Einschätzung, und er ging davon aus, dass die meisten Menschen in dem Bewusstsein arbeiten, erstens beurteilt zu werden, zweitens Rechenschaft geben zu müssen über ihre Arbeit und dass sie drittens belohnt oder bestraft werden, jenachdem mit wieviel Erfolg sie arbeiten. Das nannte dieser sympathische Mensch Rechenschaftsverpflichtung. Er hat erforscht,was die Rechenschaftsverpflichtung mit den verschiedenen Typen von Menschen macht.

Nun gut: Es ging darum, was passiert, wenn ich weiß, dass jemand auf meine Arbeit schaut und mich sanktioniert. Das kann einen fertig machen. Es kann aber auch schön sein, man fühlt sich herausgefordert, dem Beobachter mal zu zeigen, wie fähig, innovativ, fleißig, souverän, geduldig, cool man ist. Man könnte denken: Pass auf Bürschlein, ich zeig dir mal, wie man richtig arbeitet und schöne Erfolge fabriziert. Dann vergisst man bei der Arbeit Zeit und Raum. Man kommt, und das Wort habe ich dann tatsächlich neu gelernt, in einen Zustand, den Psychologen „flow“ nennen. Da musste ich bei dem Vortrag lachen, weil ich dachte: So ein schönes kurzes Wort für einen Zustand, der mir bei mir selbst immer unheimlich vorkam. („Huch, es ist ja schon 8 Uhr, ich müsste seit zwei Stunden zuhause sein, jetzt aber nichts wie weg.“)

Ziemlich erschütternd war, was die erleben, die die Rechenschaftsverpflichtung als Bedrohung erleben. Sie versuchen krampfhaft, Fehler zu vermeiden, sind extrem vorsichtig, irritiert, nervös. Wenn das immer so weiter geht, werden sie erschöpft, immer weiter erschöpft und zwangsläufig depressiv oder es gibt ein Burnout. Sie können sich nach der Arbeit nur noch hinlegen und Chips essen. Sonst nichts. Kein politisches Engagement, keine Betriebsratsarbeit, kein Sport, keine Freunde und kein Kontakt zu Nachbarn.

Bei der Arbeit depressiv werden diejenigen Menschen, so wurde erklärt, die Impulse kontrollieren müssen. Die also freundlich sein müssen, obwohl sie tierisch sauer und wütend sind. Und das jeden und jeden Tag. Eine Weile kann man das machen, aber nicht jeden Tag, wie in einem Call-Center, wo sich ständig Leute frech beschweren. Aber das Impulse-Kontrollieren ist nicht alles. Hinzu kommt: Menschen werden krank, wenn sie innere Widerstände überwinden müssen. Wenn sie also die Arbeit hassen, hassen wie die Pest, es aber machen müssen. Wenn das hin und wieder vorkommt, ist das zu schaffen, wenn das jeden Tag vorkommt, wird man krank. Als letztes muss man im Arbeitsleben Ablenkungen widerstehen können. Also wenn ganz toll die Sonne scheint, dann darf man nicht einfach aufstehen und spazieren gehen.

Das Wichtigste ist jetzt, dass die Menschen, die die Rechenschaftsverpflichtung als Bedrohung (sie versuchen nur eins: Fehler zu vermeiden) empfinden, dem Arbeitgeber/der Firma nur von geringem Nutzen sind.
Die anderen, die Proaktive genannt werden, sind insofern gefährlich, als sie dazu neigen, mehr zu machen, als erforderlich ist. Die bekommen eigene Ideen und machen plötzlich was Unabgesprochenes. Sie schießen über das Ziel hinaus. Das kann schief gehen, kann aber auch echt gutgehen. Proaktiv bin ich schon mehrfach über das Ziel hinausgeschossen, und einmal wurde es richtig gefährlich. Aber es ist dann nochmal gut gegangen. Insgesamt muss ich aber sagen, dass ich mich lieber nicht bremse und lieber das Risiko eingehe, denn sonst werde ich krank 😉

Dieser Text ist auch proaktiv echt zu lang. Aber: Ich hab im Netz j e d e M en g e Platz. hihihihihi

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Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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