Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge VI

Mit meinem afghanischen Patenkind gehe ich zur Arbeitsagentur, zur AOK, zum Ausländeramt und zum Jobcenter. Demnächst werde ich seine Lehrerin kennenlernen und einen Sozialarbeiter/Betreuer.

Nach den Behördengängen muss zumindest ich mich erholen, und wir trinken etwas im Café Egmont. Dort kann ich wunderbar die ein oder andere Tageszeitung anschauen. Dem Patenkind zeige ich die Fotos und erkläre ihm, was darauf zu sehen ist. Das Patenkind ist geradezu extrem interessiert.

Ich zeige ein Foto von einem Schiff mit Flüchtlingen. Und das Patenkind weiß: Es kommen auch Menschen „aus Europa nach Deutschland“, aber das sei falsch, in Europa sei nämlich „alles gut“. Es stellt sich raus, dass der Junge wohl etwas von den Roma gehört hat, die aus dem Kosovo zu uns kommen. Er ist überzeugt davon, dass diese Leute hier nichts zu suchen haben.

Ich melde Zweifel an und muss innerlich lachen: Das Patenkind ist wie alle Flüchtlinge. Selbst im gelobten Land angekommen wollen sie nicht, dass weitere hierher kommen. Wie gewisse konservative Vertriebene aus Ostpreußen und Schlesien, die – obwohl einst selbst Flüchtlinge – jetzt keine weiteren hier haben möchten.

*

An einem anderen Tag schauen wir in einer Zeitung ein Foto an, das Neonazis zeigt.
„Was sagen die Neonazis?“, fragt das Patenkind.
„Ausländer raus“, antworte  ich.
Das Patenkind blickt erschrocken, überlegt kurz. „Was sagt Frau Merkel?“, fragt der Junge jetzt.
„Frau Merkel sagt: Die Flüchtlinge sollen bei uns bleiben“, antworte ich.
„Frau Merkel ist wirklich eine gute Frau“, äußert tatsächlich jetzt das Patenkind.

Ich erzähle noch, dass es in Aachen auch Neonazis gibt, 130 sage ich, und dass das Patenkind (165 cm, Kleidergröße S) diesen Leuten nicht mutig entgegentreten, sondern schnellstens weggehen soll, sobald sich diese Leute auch nur in weiter Ferne blicken lassen.

*

An verschiedenen Reaktionen merke ich, dass das Patenkind denkt, ich sei ein Mensch, der viel weiß („Frau Vallot, du weißt alles“) und als Journalistin, die so viel im Internet schreibt, sei ich auch noch sehr mächtig.

Ich arbeite hart daran, diesen Eindruck zu korrigieren. Wir gehen zum Aachener Ausländeramt, ich schau mich suchend um und sage: „Hier. war. ich. noch. nie!“ Das Patenkind schaut erschrocken, schweigt lange . . . und ringt sich dann zu der Frage durch: „Frau Vallot, du warst hier noch nie???

„Nö“, sag ich und schau mich (betont) nochmal um, ob wir wohl richtig sind??? Ich weiß genau, was der Junge denkt, man sieht es ihm förmlich an. Ich bin sehr zufrieden. Ich möchte, dass er sich keine Illusionen macht. Im Leben eines Flüchtlings ist es am besten, wenn man die Dinge klar und unverblümt sieht.

Nach einer Dreiviertelstunde kommen wir dran, ich habe ein Dutzend Fragen auf einen Zettel geschrieben, die Fragen alle gestellt und sehr freundlich Antwort bekommen. Jetzt blicke ich etwas besser durch. Das Patenkind auch.

*

Wir müssen beim Jobcenter warten und nutzen die Zeit zum Lernen. Ich kritzele die Buchstaben BRD auf einen Zettel und frage: „Was bedeuten diese Buchstaben?“ Langes intensives Überlegen. Ich: „Es ist etwas, was du schon kennst.“ Man sieht ihn denken.

Das aufgelöst frage ich: Was bedeuten die Buchstaben „AC“? Wieder keine Ahnung. Ich:  „Es ist etwas, was du sehr magst.“ Das hat er mir schon zweimal gesagt, dass er Aachen schön findet.

Neben dem Aufzug stehen die Buchstaben „EG“. Ich frage nach der Bedeutung und sage, diese Frage sei jetzt schwer. Dann sage ich langsam: „Es bedeutet Erd-ge-schoss.“ Dann erkläre ich, was ein Erdgeschoss ist.

An der Wand stehen auch die Buchstaben „KL“. Ich frage, was das bedeutet? Der Junge sagt „Ich weiß es nicht.“ Ich sage: „Ich weiß es auch nicht.“  Wir lachen.

*

Einmal die Woche treffen wir uns: das Patenkind und ich. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand, der Junge hat jedes Mal eiskalte Finger. Eine Mütze hat er auch nicht auf dem Kopf und eine dünne Jacke an, die er auch innen nicht auszieht.

„Sollen wir mal nach Handschuhen, Mütze, einem Schal und einem dicken Winterpullover für dich schauen?“, frage ich das Patenkind. „Nein, Frau Vallot, das habe ich alles.“  Das sagte der Junge bereits mehrfach. Ich bezweifle das allmählich und bin ratlos.

Dem Patenkind ist sein Aussehen nicht egal. Gar nicht, das merke ich. Er fragt nach Sportmöglichkeiten, weil er gern kräftiger aussehen möchte, sagt er. Ich habe keine Ahnung, mit welchen Klamotten solche Jungs gern rumlaufen. Im Zweifel kaufe ich haargenau das Falsche, das weiß ich von meinen Nichten. „Voll peinlich“ war immer das, was ich ihnen an Textilien kaufte.

Schon zwei Mal musste der Junge eine Verabredung absagen, weil er krank war. Auf Nachfrage zeigt er mir die Medikamente, es ist alles gegen Erkältung. Mich wundert das nicht. Ich habe Angst, dass er sich eine Lungenentzündung holt.

Mit Folge VII geht es weiter

Folge V der Serie findet ihr hier.

(Wird fortgesetzt)

 

 

 

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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2 Antworten zu Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge VI

  1. Pingback: Patenprojekt für junge Flüchtlinge, Folge V | Aachen. Kommentierte Infos.

  2. Rahu schreibt:

    Ein sehr motivierender Blogpost, danke dafür!

    Gefällt mir

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