Zwei Künstler der Extraklasse

Matthias Brandt Aachen

Bearbeiteten bei ihrer Lesung einmal sogar den Flügel mit Fäusten, um den Zuschauern das Klopfen und Hacken der Vögel vorzuführen: Jazzmusiker Jens Thomas (l.) und Schauspieler Matthias Brandt (r.) in der Citykirche in Aachen.

Alle wollten vorne sitzen – beim Auftritt von Matthias Brandt und Jens Thomas in der Citykirche/Nikolauskirche in Aachen. Deshalb bildete sich schon um 19.15 Uhr eine lange Schlange vor dem verschlossenen Kirchenportal, obwohl die beiden erst um 20 Uhr auftreten würden. Die Eintrittskarten waren seit vielen Wochen ausverkauft, jetzt ging es nur noch darum, einen guten Sitzplatz zu bekommen.

Die Städteregion bietet seit vielen Jahren in Aachen und der Region ein Kulturprogramm, dass die Menschen in Massen anzieht. Es gibt immer deutlich mehr Interessenten als Tickets. Und alles zum sehr kleinen Preis (3,50 Euro). Trotz nicht gerade rosiger Kassenlage soll nämlich in der Städteregion Kultur nicht nur für Wohlhabende erschwinglich sein.

Am Samstag standen also Matthias Brandt und Jens Thomas auf der Bühne, der eine Schauspieler, der andere Musiker. „Aufgeführt“ wurde die Kurzgeschichte „Die Vögel“ von Daphne du Maurier, aber was heißt hier eigentlich aufgeführt? Matthias Brandt hat die Geschichte – vordergründig betrachtet – nur vorgelesen. Das allerdings in einer Weise, die beim Publikum von der ersten Sekunde an die  Bilder im Kopf entstehen ließ, so kunstvoll und expressiv wurde der Text vorgetragen. Mehr als nur Unterstützung bot dazu die Musik von Jens Thomas. Szenen voller Angst und Verzweiflung packten die Zuhörer, weil vom Flügel die Töne kamen, die die Bilder im Kopf erst richtig zum Laufen brachten.

Kurz zusammengefasst geht es in dem Text um Robert, der den Tod seiner Frau Leonore nicht verwindet, sich in einem einsamen Haus erholen soll und dort von immer größeren und immer mehr Vögeln angegriffen wird. Die grausamen Viecher trachten ihm sogar nach dem Leben, Robert muss seine Lethargie ablegen, er muss sich im Haus verbarrikadieren und sehen, wie er sich die unheimlichen Tiere vom Leib hält. Er schafft das immer weniger.

Vielleicht sind mit den Vögeln die Dämonen gemeint, jene Geister,  zweifelnden

Matthias Brand Jens Thomas Aachen

Lange vor Beginn der Aufführung: Anstehen für einen guten Sitzplatz.

Gedanken und Angstzustände, die wohl jedem Menschen bisweilen nachts die Luft zum Atmen rauben. Wie auch immer. Ihr Kratzen an den Fensterscheiben, heiseres Schreien, ihr aggressives Picken und Hacken und auch ihr Flügelschlagen waren zu hören. Die Vögel versuchten sogar durch den Schornstein ins Haus zu gelangen, Robert zündet sie an, und verbrannte Federn stinken ihm das Zimmer voll. Wahnsinn.

Lautmalerisch und auf dem Flügel wurden die Geräusche erzeugt. Alles wechselte mit Songs, von denen ich nur den letzten („Black Bird“ von den Beatles) erkannte. Aber was heißt Songs? Als Gekrächze und Gekratze wurden die Stücke vorgetragen, dass einem Angst und Bange werden konnte. Sehr intensiv.

Bisher habe ich entweder Theaterstücke (gut, da gibt es auch mal eine Musikeinlage) gesehen oder war bei Konzerten. Am Samstag in der Nikolauskirche gab es eine Aufführung, für die ich keine Kategorie kenne. „Wort-Musik-Collage“ steht auf dem Ticket, aber das trifft es nicht. Mir kam alles wie Kino vor, nur nicht auf einer Leinwand sondern im Kopf.

Das Publikum applaudierte stehend. Mit Zugabe dauerte alles etwa 90 Minuten.

 

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