Was ist dran an den ständigen Beschwerden über rücksichtslose Fahrradfahrer?

In Aachen sind immer mehr Menschen auf dem Fahrrad unterwegs. Sie werden in Leserbriefen und auf offener Straße von FußgängerInnen und AutofahrerInnen beschimpft. Gastautor Jonas Paul hat sich als Radfahrer mit den Vorwürfen befasst. Foto: Archiv

Von Jonas Paul*

Seit Langem wundere ich mich über den Begriff des Kampfradlers. Egal wo das Thema Radverkehr diskutiert wird, es dauert nicht lange und es ist die Rede von den Kampfradlern, Fahrradrowdies oder Rüpelradlern.

Der Kampfradler wird immer wieder als Hauptargument angeführt, wenn es darum geht, Verstöße von KFZ, die Radfahrer gefährden, zu rechtfertigen oder zu relativieren. Egal ob es um zugeparkte Radwege oder ausreichende Überholabstände geht, der Kampfradler, dem die Straßenverkehrsordnung (StVO) völlig egal sei, ist das pauschale „Totschlagargument“ gegen alle Radfahrer und deren Interessen.

Gerne werden dann subjektive Wahrnehmungen in Zahlen gegossen. Dann sind es 90 oder 70 Prozent der Radfahrer, zumindest aber der größte Teil, der sich nicht an die Regeln hält. Nun bin ich seit 38 Jahren Fußgänger und ÖPNV-Nutzer, seit ca. 33 Jahren Radfahrer und seit 13 Jahren Autofahrer. Immer wieder frage ich mich, ob ich in einem anderen Land am Verkehr teilnehme. Ich werde als Fußgänger nicht ständig fast überfahren und man reißt mir im Vorbeifahren auch nicht den Autospiegel ab.

Natürlich sehe ich Radfahrer, die sich nicht an die StVO halten, aber ich sehe auch ständig KFZ und Fußgänger, die gegen diese verstoßen. Woher kommen also diese ganzen Kampfradler, die unter meinem Radar hinwegtauchen?

Langsam dämmerte es mir, bis es mittlerweile zur Gewissheit geworden ist: Ich bin der Kampfradler!
• Ich bin der Radfahrer, der auf der Fahrbahn fährt, während da doch ein Radweg ist.
• Ich bin der Radfahrer, der Ihnen in der Einbahnstraße entgegenkommt.
• Ich bin der Radfahrer, der plötzlich aus dem Nichts angeschossen kommt.
• Ich bin der Radfahrer, der Sie an der roten Ampel rechts überholt.
• Ich bin der Radfahrer, der mitten auf der Fahrbahn fährt.
• Und ich bin der Radfahrer, der sich beschwert, wenn Sie ihn hupend mit einer Handbreit Abstand überholen, um ihn auf seine Vergehen hinzuweisen.

Aber ich bin nicht der Radfahrer, der bei Rot über die Ampel fährt und Ihnen nachts ohne Licht entgegenkommt. Das brauche ich auch nicht, denn das oben aufgeführte Verhalten reicht aus, um als Kampfradler eingestuft zu werden. Aber wie sieht es denn damit konkret aus?
Radwege sind nur benutzungspflichtig, wenn ihr Zustand zumutbar ist und sie durch ein entsprechendes Schild ausgewiesen sind. Das sind innerstädtisch nur noch sehr wenige, die ich dann natürlich auch nutze.
Die meisten Einbahnstraßen sind in Aachen für den Radverkehr in beide Richtungen freigegeben (andere nutze ich natürlich nicht gegen die Fahrtrichtung).
Geübte Radfahrer erreichen heute auch ohne Pedelec problemlos Geschwindigkeiten von 20 bis 30 km/h (bergab noch mehr) und dürfen im Rahmen der Geschwindigkeitsbegrenzungen auch in diesem Tempo fahren. Niemand taucht einfach aus dem Nichts auf, und auch geübte Radfahrer sind meist nicht schneller als KFZ. Das Problem ist, dass die Geschwindigkeit von Radfahrern oft unterschätzt wird.
Als Radfahrer darf ich laut StVO bei ausreichendem Platz wartende Autos rechts überholen. Hätten Sie dieses Recht, würden Sie es, wo es geht, auch nutzen und so auch vermeiden in den Abgasen zu stehen.
Als Fahrradfahrer muss man einen Sicherheitsabstand zu parkenden Autos einhalten, um sich vor Türen zu schützen, die plötzlich geöffnet werden. Dabei entsteht dann schnell der Eindruck, man führe „mitten auf der Fahrbahn“.
Wenn ich als Radfahrer geschnitten werde o.ä., dann geht es dabei nicht einfach darum, dass man mir mein Recht nimmt, sondern schlicht um die Gefährdung meiner Gesundheit und meines Lebens. Da darf man sich auch mal beschweren.

An den Reaktionen, die ich im Straßenverkehr regelmäßig erlebe, merke ich aber immer wieder, dass viele KFZ-Fahrer völlig regelkonformes Verhalten als Verstoß wahrnehmen. Immer wieder wird man zur „Maßregelung“ beschimpft, geschnitten und ausgebremst. Ich bin also offenbar der Kampfradler und das Feindbild.

Die Unkenntnis der Rechte und Pflichten, die in der StVO für den Radverkehr verankert sind, scheint weit verbreitet. Das Phänomen zeigt sich auch immer wieder in den sozialen Netzwerken. Beispiel ist die gemeinsame Kampagne der Polizei Aachen, der Stadt Aachen, der StädteRegion und des ADFC, die auf die Einhaltung der Überholabstände gegenüber Radfahrern hinweist. Vielen Kommentatoren ist offensichtlich nicht bewusst, dass sie einen solchen Abstand einhalten müssen.

Und hier schließt sich der Kreis: Während viele Verstöße von KFZ gar nicht wahrgenommen (z.B. Überholabstände) und andere bagatellisiert werden (z.B. überhöhte Geschwindigkeit Parken auf Geh- und Radwegen), werden Radfahrern Vergehen angelastet, die nach StVO gar keine sind. Hinzu kommt das Phänomen, dass man sich nicht die zehn Radfahrer merkt, die sich korrekt verhalten, sondern den einen, der sich falsch verhält. So wird plötzlich fast jeder Radfahrer zum Kampfradler, unter dem der KFZ-Fahrer zu leiden hat.

Als kleiner Nachtrag sei noch auf den urban myth des ewigen Rotfahrers auf zwei Rädern verwiese; die Polizei Hamburg führte 2017 eine sechzehnstündige Schwerpunktkontrolle mit 148 Beamten durch. Besonderes im Fokus waren dabei Rotlichtverstöße. Ergebnis: 226 Autofahrer und 22 Radfahrer wurden bei Rotlichtverstößen erwischt. Damit liegt der Anteil der Radfahrer sogar unter dem durchschnittlichen Anteil der Radfahrer am Hamburger Verkehrsaufkommen (Laut modal split ca. 12 %). (Quelle: https://www.stern.de/auto/news/bei-rot-ueber-die-ampel–das-ist-keine-spezialitaet-von-kampfradlern-7767444.html?fbclid=IwAR0WaMX6MtECqOArDkSoOAI4vEv1GOoZ8mLUL7DXpnJCS8S6dAYfQxbmfaU)

Viele Grüße vom (regelkonformen) Kampfradler.

*Offenlage: Gastautor Jonas Paul ist für die Grünen im Rat der Stadt Aachen. Sein Text ist zuerst auf Facebook erschienen und wurde mit freundlicher Erlaubnis von dort übernommen.

Bei den Grünen findet ihr den engagierten Aachener Ratsherrn hier.

Über AachenNews.org

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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