Ein Warenhaus, dessen Verschwinden noch heute bedauert wird

Ein neues Buch mit Material aus dem Aachener Stadtarchiv informiert umfassend über das Aachener Warenhaus Tietz. Hauptsächlich geht es um Bau- und Architekturgeschichte. Ein Text über Warenhäuser als „umkämpfte Orte der Moderne“ ist zusätzlich sehr interessant.

In Aachen am Markt stand einst ein Kaufhaus, das gehörte zu den „Einkaufspalästen“, mit denen die Pioniere der Warenhausunternehmen nicht nur das Bild der Innenstädte veränderten, sondern zugleich neue Formen des Einkaufens, eine neue  Alltagskultur und eine neue Form des Einzelhandels etablierten. 

Auch heute stecken wir mitten drin in einer Umwandlung. Auch für uns ändern sich gerade die gewohnten Formen des Einkaufens. Wir gehen nicht mehr zu den Läden und Warenhäusern hin, wir bestellen via Internet und lassen uns die Ware bringen. Das ändert – wie damals – unseren Alltag und auch das Bild der Innenstädte. Der Einzelhandel leidet und jammert, denn er muss sich wieder umstellen.

Einen völlig neu aufgestellten Handel – das haben wir bereits einmal erlebt. 

Um die Jahrhundertwende, als in vielen größeren Städten Warenhäuser – wie in Aachen das von Leonhard Tietz – eröffnet wurden, da waren die Menschen an kleine Läden/Einzelhandelsgeschäfte gewöhnt, wo es keine festen Preise gab, wo mit dem Betreten des Ladens eine Art Kaufpflicht verbunden war, wo es nur eine Sorte von Waren gab und keine wirklich große Auswahl. 

Die neuen Warenhäuser waren ganz anders, sie nutzten das elektrische Licht ganz offensiv, die Verkaufsräume und riesigen Schaufenster waren wie Bühnen dekoriert, es gab in Aachen innen drei Lichthöfe mit umlaufenden Galerien, es gab Waren aus dem Ausland. Frauen konnten dort plötzlich autonom agieren. Auch spielten Standesunterschiede im Warenhaus keine große Rolle mehr.

Wir können uns heute kaum vorstellen, wie anders das Einkaufen plötzlich wurde. 

Einzelhändler sahen damals ihre ökonomische Existenz bedroht, sie prangerten mangelhafte Qualität der Waren an und unlauteren Wettbewerb. Eine neue, rechtsradikale Partei wetterte gegen die „undeutsche“ Art des Handels. Verschwörungs-Erzählungen machten die Runde. Die Warenhäuser waren bei den Kundinnen extrem bliebt. Sie gerieten prompt ins Fadenkreuz antimoderner und antiliberaler Gruppen. Es gab einen Boykott-Aufruf und antisemitische Tendenzen, denn viele Warenhäuser waren im Besitz von Unternehmern, die jüdischen Glaubens waren. 

Schon 1933 wurde der Tietz-Konzern „arisiert“ und in Kaufhof umbenannt. 1965 wurde das Warenhaus am Markt abgerissen. Das wird alles in einem sehr lesenswerten neuen Buch berichtet, das dieser Tage in Aachen erschienen ist. „Das Warenhaus Tietz in Aachen – Ein Bauwerk im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Architektur 1892 – 1965“. 

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Bau- und Architekturgeschichte. Es gibt viele interessante Bilder, über die ich mich mit einer Lupe gebeugt habe um vielleicht ein Mädchen zu erkennen (meine Oma), das dort eine Ausbildung machte. Das war damals der Gipfel der Modernität, mit einer Ausbildung – es gab erstmals Veranstaltungen zur Bildung und Weiterbildung – bei „Tietze Lejjend“ stand einer jungen Frau die Welt offen, das Selbstbewusstsein, das ihr dort vermittelt wurde, reichte für ein ganzes langes Leben. 

***

Das Buch beruht auf neuen wissenschaftlichen Forschungen und der Erschließung bislang unzugänglicher Archivquellen im Rahmen eines Kooperationsprojektes des Stadtarchivs Aachen mit der TH Köln. Aber es flossen zugleich Hinweise, Erinnerungen, Fotos und Unterlagen zahlreicher Bürgerinnen und Bürger ein, die sich im Frühjahr 2020 nach einem öffentlichen Aufruf beim Stadtarchiv gemeldet hatten. 

Der Band erscheint im Schuber mit Beilagen: zwei Bauplänen, einer Entwurfszeichnung, einer Zeitungsanzeige im Großformat (A 2) und einer Fotografie als Großpostkarte. Die neue Veröffentlichung ist der 5. Band der Schriftenreihe „Aus den Quellen des Stadtarchivs Aachen“. Das Ziel der 2018 begonnen Reihe ist es, die vielfältigen Quellenbestände aus dem Stadtarchiv Aachen, die vom Jahr 1018 bis heute reichen, vorzustellen.

Zum Buch: Daniel Lohmann, Thomas Müller, René Rohrkamp, Maike Scholz (Hrsg.), Das Warenhaus Tietz in Aachen – Ein Bauwerk im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Architektur 1892-1965, ISBN 978-3-00-069326-7. Preis: 25 Euro, erhältlich im Stadtarchiv Aachen, Reichsweg 30. Dort ist eine Anmeldung per Mail (stadtarchiv@mail.aachen.de) oder unter der Telefonnummer 0241-432 4972 erforderlich. Außerdem gibt es das Buch im Aachener Buchhandel, z. B. in der Buchhandlung Backhaus.

Wie es dazu kam, dass das Warenhaus der Familie Tietz in den 1960er Jahren abgerissen wurde und an gleicher Stelle am Markt dieser Neubau entstand (s. Foto), das wird in dem Buch „Das Warenhaus Tietz in Aachen“ ausführlich dargestellt. Ein in weiten Teilen sehr spannendes Buch.
Statt der eleganten Lichthöfe und umlaufenden Galerien des Warenhauses Titz gibt es nun in Aachen diese Situation am Markt, Karlshof genannt. In der Mitte: sinnlose Kunst, bei der irgendwie von oben Wasser runterläuft.

Infos: Pressemitteilung des Presseamtes der Stadt Aachen

Über AachenNews.org

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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