Archivale des Monats zeigt: Ein Krieg ist nie vorbei. Für manche dauert er ein ganzes Leben.

Das Aachener Stadtarchiv zeigt aus seinen Magazinen regelmäßig interessante Stücke als Archivale des Monats. Das Stück mit einem kurzen Begleittext wird in einem Schaukasten im Foyer des Stadtarchivs am Reichsweg sowie digital auf der Homepage des Archivs präsentiert.

Das Archivale des Monats März 2022 zeigt ein handschriftliches Konzept des städtischen Gesundheitsfürsorgeamts aus dem Frühsommer 1927 als Antwort zu Ermittlungen bezüglich der unehelichen Kinder unter sechs Jahren, deren Väter Angehörige der Besatzung waren.

Nach dem Krieg und noch während der Besatzungszeit machte sich die Aachener Behörde auf die Suche nach unehelichen Kindern. Quelle: Stadtarchiv Aachen, PRZ 30-440, fol. 44 verso

Mit der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg begann für Aachen die Besatzungszeit. Am 28. November 1918 waren die ersten belgischen Offiziere in Aachen eingetroffen, in der Folge wurde Aachen zu einem wichtigen Standort der alliierten Besatzungstruppen bis zu ihrem Abzug am 30. November 1929.

In der Stadt waren dauerhaft belgische Soldaten stationiert, es gab aber keine kolonialen Besatzungstruppen, die aus afrikanischen Soldaten aufgestellt worden waren wie zum Beispiel in Stolberg und Eschweiler. In Aachen wurden die belgischen Soldaten in diesen Jahren zu einem Teil der Stadtgesellschaft, sie waren im Stadtbild sichtbar, benutzten verschiedene Gebäude in der Stadt, kontrollierten bestimmte Teile des öffentlichen Lebens und der Verwaltung. 

Unterstützung durch die städtische Fürsorge

Aber es entstanden auch Beziehungen und Liebschaften, Aachener Frauen wurden schwanger und brachten – oft uneheliche – Kinder zur Welt. Die von den Besatzungssoldaten gezeugten Kinder benötigten, vor allem wenn ihre Mütter alleinstehende Frauen waren, oft Unterstützung durch die städtische Fürsorge. Diese Kosten aber wollten die Verwaltungen der besetzten Gebiete, die sich im Verband der Stadt- und Landkreise der besetzten Gebiete zusammengeschlossen hatten, bei den Besatzungsbehörden geltend machen. Hierzu mussten belastbare Statistiken vorgelegt werden. 

Ende Mai 1927 fragte der in Mainz sitzende Verband bei den betroffenen Gemeinden und Kreisen ab, „wie viele uneheliche Kinder unter 6 Jahren überhaupt“ und „wie viele uneheliche Kinder unter 6 Jahren, deren Väter Angehörige der Besatzung sind oder sein sollen, hier in Aachen noch beaufsichtigt werden.“ Das Gesundheitsfürsorgeamt antwortete vier Wochen später in dem Schreiben, dessen handschriftliches Konzept als Archivale des Monats präsentiert wird, wie folgt: „[…] die Ermittlungen bezüglich der unehelichen Kinder unter 6 Jahren [sind] nunmehr abgeschlossen. Es ergeben sich folgende Zahlen: a) 731 uneheliche Kinder unter 6 Jahren werden zurzeit hier [beim Gesundheitsfürsorgeamt] noch beaufsichtigt; b) von diesen sind 38 uneheliche Kinder unter 6 Jahren, deren Väter Angehörige der Besatzung sind oder sein sollen.“

Nicht aufgezählt sind hier die Kinder, die nicht durch die städtische Fürsorge unterstützt wurden.

Französische Kolonialtruppen mit afrikanischen Soldaten

Während in Aachen unter belgischer Besatzung stand, waren in vielen besetzten deutschen Regionen französischen Besatzungstruppen vorherrschend. Zeitweise bestand rund die Hälfte der französischen Besatzungstruppe in Deutschland aus Einheiten der französischen Kolonialtruppen mit afrikanischen Soldaten. Der Einsatz dieser Besatzungstruppen durch Frankreich wurde in einer von Deutschland ausgehenden, internationalen rassistischen Kampagne politisiert und propagandistisch aufgeladen – das Schlagwort der „Schwarzen Schmach“ bestimmte über mehrere Jahre die öffentlichen Debatten.

Aus den Beziehungen der afrikanischen Soldaten mit deutschen Frauen gingen Kinder mit schwarzer Hautfarbe hervor; diese Kinder, die unter der ausgrenzenden Bezeichnung „Rheinlandbastarde“ zum politischen Thema gemacht wurden, lebten unter erschwerten Bedingungen: Sie waren rassistischen Anfeindungen ausgesetzt, wurden benachteiligt und ein Teil von ihnen wurde in der Zeit des Nationalsozialismus ohne gesetzliche Grundlage zwangsweise unfruchtbar gemacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten Betroffene, Wiedergutmachungen zu erreichen. Leider oftmals erfolglos.

Vortrag von Stadtarchiv Aachen und NRWeltoffen

Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus findet ein vom Stadtarchiv Aachen und NRWeltoffen ausgerichteter Vortrag zu diesem Thema statt. Der Leiter des Stadtarchivs Mönchengladbach, Dr. Helge Kleifeld, referiert am Donnerstag, 17. März, um 19 Uhr im Foyer der Nadelfabrik am Reichsweg 30 zum Thema: „Gescheiterte Wiedergutmachung am Beispiel eines ‚Rheinlandbastards‘ aus Mönchengladbach“.

Im Anschluss besteht die Möglichkeit zur Diskussion. Anmeldungen zu diesem Vortrag sind telefonisch unter der Nummer 0241 432 4972 oder per Mail unter stadtarchiv@mail.aachen.de  möglich.

Über AachenNews.org

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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