Style und Zahlen

In Berlin ist Wahlkampf und ich bin hin. Von Montag bis Sonntag gab es volles Programm, wobei ich gleich Montag nach sechs Stunden Zugfahrt in die Geschäftsstelle in der Pflugstraße (p9) gefegt bin.

Dort wollte ich Info-Material zum Verteilen bekommen und Aufklärung darüber, warum Jörg Tauss dort plötzlich Hausverbot erhalten hat. Es gab Flyer und Kaperbriefe, die ich in großer Zahl aus der Geschäftsstelle in die nächste Kneipe schleppte. Zum Hausverbot wurde mir erklärt (falls ich das richtig verstanden haben), dass Jörg sich angeblich nicht abhalten lässt, im Wahlkampf zu helfen und dass das wegen seines immer noch schlechten Images mehr schädlich als nützlich sein würde. Man nahm sich Zeit, um mir das zu erklären. Immerhin.

Ich habe dort schon klargemacht, dass ich das Mittel “Hausverbot” für völlig unangemessen halte (definitiv not my style). Von Stefan Urbach, der das Hausverbot verhängte, werde ich mich in Zukunft ganz fernhalten. Wieder wurde bestätigt: Wer sich quasi heldenhaft für Demokratie in fernen Ländern und zuhause einsetzt, kann im persönlichen Umgang ein Arschloch sein. Ein Riesenarschloch.

Am nächsten Tag ging es gleich los in den Wahlkreis von Fabio. Kreuzberg, Kottbusser Tor. Was mir erklärt worden war, passierte haargenau: Keiner wollte Infos, doch fast immer, wenn ich sagte “Infos von der PIRATENPARTEI” drehten sich die Leute um und meinten: “Ach doch, geben Sie mal her.”
Ich hatte am Kottbusser Tor eine Ecke erwischt, wo viele Leute vorbeikamen, die bisher immer Grün gewählt haben und jetzt mal was anderes wollten. Der Eindruck verfestigte sich von Tag zu Tag.

Nachmittags war alles Infomaterial weg, und ich habe mir das Quartier 206 angesehen. Der teuerste Luxusschuppen, den ich je sah. Ich sage nur: Pullis für 800 Euro. Tja, so was muss man sich auch mal anschauen. Die Textilien werden ausgestellt wie Kunstwerke. Sind es vielleicht Kunstwerke? Nein. Dieses Quartier wirkte kalt und unfroh. Eleganz ist also doch nicht immer schön und angenehm.

Abends holte ich mir in der Piraten-Geschäftsstelle weiteres Info-Material, ich trank am dritten Abend viel Bier bei Hackethals, und wir sahen uns in der p9 die neueste Wahlprognose an. 6,5 Prozent. In dem Moment hat jeder kapiert, dass es jetzt wirklich ernst wird.
Ich habe dort auch mit mehreren Piraten über den Auftritt des Spitzenkandidaten beim rbb (Berliner TV) diskutiert. Dieses Desaster war am Ende gar kein Desaster (das kann ich jetzt aus der Rückschau sagen), denn was er nicht wusste, hatte er bei späteren Fragen besonders gut drauf und jeder konnte erkennen: Piraten lernen verdammt schnell.

Ich versuchte zu erklären, dass – wenn man auch nur ein Füßlein in die Politik stellen will – man wissen muss: Wie steht es mit der Kohle? Was kommt jedes Jahr rein in die Kasse? Was muss bezahlt werden? Wie viel wurde angespart oder wie viel Schulden sind da? Und bei den Ausgaben MUSS man wissen: Welches sind die dicksten Batzen? Was kostet uns am meisten, wo geht eigentlich unser ganzes Geld hin?
Das muss man nicht bis auf den letzten Euro genau wissen, aber so ungefähr. Quasi so, wie man es vom eigenen Haushalt auch weiß: Was nehme ich ein, wie viel Geld habe ich überhaupt im Monat zur Verfügung, was gebe ich aus für Miete, Ernährung, Telefon, Auto usw. und wie viele Euros brauche ich mindestens zum Überleben?

Wenn man in einer Gemeinde, Stadt, im Landtag oder im Bundestag Politik machen will, muss man die Situation der Kasse kennen (kann man googlen). Das versuchte ich klar zu machen. Mir wurde sinngemäß gesagt, das könne man nie wissen, alles sei zu kompliziert. Das wurde mir auch schon in Aachen von Piraten gesagt, dass der Haushalt zu kompliziert sei. Man hat gerade den Eindruck, die Piraten sind Leute, die Angst vor dem Umgang mit Zahlen haben.

Dabei ist so ein Haushalt von Menschen gemacht, die nicht klüger sind, als der Durchschnitt. Es ist KEINE Sache, die nur Nobelpreisträger verstehen, das versteht jeder: Eine von normalen Menschen gebaute Aufstellung von Summen halten die Piraten für zu kompliziert??? Das darf ja wohl nicht wahr sein.
Alles steht und fällt mit dem Geld. Das haben die Piraten noch längst nicht kapiert. Man muss aber bedenken, dass gerade bei den Finanzen die Regierenden immer so tun, als brauchte man sich dafür nicht zu interessieren, sie hätten schon alles im Griff und an den wachsenden Schulden sei leider nichts zu ändern. Alles ein blödes Gequatsche.

In Kneipen und Geschäften in Kreuzberg war auch das Interesse an Info-Material über die Piraten groß. Es hatte sich echt gelohnt, dass ich hingefahren bin.

Freitags ging es zu einer für mich interessanten Diskussion bei der grünen Heinrich-Böll-Stiftung. Mit dabei: BKA-Chef Ziercke, die grünen Bundestagsabgeordneten Konstantin von Notz und Volker Beck und der oberste deutsche Datenschützer Peter Schaar. Alle vier Herren habe ich erstmals life erlebt. Ich fand alle ihre Redebeiträge sehr spannend. Rena Tangens war auch auf dem Podium. Eine von Deutschlands interessantesten Frauen.
Ziercke will wissen, wer hinter einer IP-Adresse steckt. Er sprach von relevanten sozialschädlichen Straftaten, die begangen würden, und die Täter will er fassen. Na ja. Ziercke wurde vieles vorgeworfen, es ist aber nicht davon auszugehen, dass er etwas davon ernst nimmt.

Samstags ging es dann zur Freiheit statt Angst – Demo. Deutlich weniger Teilnehmer als im Vorjahr. Vor allen: weniger Piraten. Dafür mehr Grüne, mehr FDP-Junioren. Christopher Lauer hatte kurz zuvor verlauten lassen, er werde an der Demo nicht teilnehmen. Fand ich sehr enttäuschend.

Es ergab sich noch das ein oder andere interessante Gespräch. Ich bin längst wieder zu Hause gespannt auf die Wahl am kommenden Sonntag. Nächstes Mal werde ich im Flugzeug nach Berlin reisen. Das Sitzen im Zug ist mir einfach zu langweilig.

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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Eine Antwort zu Style und Zahlen

  1. Pirat schreibt:

    Erschreckend: @tauss berichtet von mafiösen Zuständen bei Piratenpartei mit Haus- und Stadt(!)verbot. tauss-gezwitscher.de/?p=2598 #piraten

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