Wir werden uns umstellen müssen

Wenn sich in einer Stadt eine Bürgerwehr gründet, ist wirklich etwas im Argen. Die Gründung einer Bürgerwehr ist ein Anzeichen dafür, dass etwas komplett aus dem Ruder läuft. Leute meinen, die Polizei und andere Ordnungskräfte seien überfordert, man müsse selbst aktiv werden, sich selber schützen. Wo Bürgerwehren gegründet werden, da gibt es Gewalt in einem Ausmaß, das mehrheitlich für unerträglich gehalten wird. Gleichzeitig ist das Vertrauen in die Polizei erschüttert.

Seit Wochen berichten die Lokalzeitungen und der WDR über Raubüberfälle in der Aachener Innenstadt. Und das hört nicht auf. Die Vorgehensweise bei den Raubüberfällen soll immer die gleiche sein: Mehrere Täter greifen einen einzelnen Nachtschwärmer von hinten an, reißen ihn brutal nieder und entwenden Geldbörse und Handy. Nicht wenige mussten danach schwerverletzt in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Knapp drei Dutzend Bürgerinnen und Bürger kamen zu einem via Facebook angekündigten Treffen. Ziel: Die Raubserie in Aachen beenden.

Knapp drei Dutzend Bürgerinnen und Bürger kamen zu einem via Facebook angekündigten Treffen. Ziel: Die Raubserie in Aachen beenden.

Die drei Dutzend Männer und Frauen, die sich gestern im Café „Alex“ mitten in Aachen getroffen haben, sagen von sich ganz klar: Wir sind keine Bürgerwehr. Aber nachts zu mehreren durch Aachens Innenstadt gehen und Raubüberfälle verhindern, das wollen sie gleichwohl.

Bei dem Treffen war von Seiten der Initiatoren oft die Rede davon, dass man es nicht auf Schlägereien abgesehen habe, dass man die Polizei nicht ersetzen, sondern lediglich unterstützen wolle. Und Messer, Stöcke und Waffen werde man schon gar nicht bei sich tragen. Und allein, weil man sich versammelt  habe, sei schon etwas erreicht. An die Aachener wurde appelliert, nicht wegzuschauen, sondern die Polizei zu rufen. „Hinschauen, nicht wegschauen und anrufen“, hieß es mehrfach. Und dass das Projekt „etwas Dauerhaftes“ sein müsse.

Wird es im Ernstfall dabei bleiben? Ich fürchte: nein.

Ich denke, die Zeiten, wo Nachtschwärmer um 4 Uhr morgens in beschwingter Laune sorglos heimwärts streben konnte, sind einfach vorbei. Das Leben ändert sich mit den Jahren, eine Stadt ändert sich und auch die Bevölkerung einer Stadt ändert sich. Das ist wahrscheinlich normal und der Lauf der Zeit. Es sind jetzt tatsächlich nachts, also nach 1 Uhr, andere Menschen unterwegs als noch vor zehn Jahren. Das ist nicht zu leugnen. Und die Polizei kann nicht überall sein. Ganz abgesehen davon, dass die Täter sowieso nur zuschlagen, wenn gerade weit und breit kein Polizist in Sichtweite ist.

Wir werden uns alle umstellen müssen und nur noch zu mehreren nachts nach Hause gehen können. Es ist eine Frage der Gewöhnung.

Aachen ist einfach nicht mehr das verträumte Städtchen im äußersten Westen. Das war einmal im vorigen Jahrhundert so. Diese Zeiten kommen nicht mehr zurück. Insofern ist die „Selbsthilfe“ gewisser breitschultriger Bürger nur der Versuch, die alten Zeiten wieder lebendig werden zu lassen. Ein Versuch, der womöglich gut gemeint ist, aber scheitern wird.

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Lest bitte auch die Kommentare, und zwar von unten nach oben (in der Reihenfolge ihres Eintreffens).

Über AachenNews

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4 Antworten zu Wir werden uns umstellen müssen

  1. Michael schreibt:

    Auch ich sehe es nicht ganz so schwarz. Dein Ansatz ist mir ebenfalls zu fatalistisch. Natürlich ändern sich Gesellschaften, aber wenn sich unser Wertesystem innerhalb nur weniger Wochen derart auf links gekrempelt hätte, hätten wir beileibe größere Probleme als die paar abgezockten Handys. Sich daran zu gewöhnen, ist keine Option. Was mag dann als nächstes kommen, was vermeintlich „nicht zu ändern ist“?

    Ich denke nicht, dass das z.B. irgendwelche Mafia-gesteuerten Jugendbanden aus dem Ausland sind, die nach einigen Wochen weiterziehen.

    Ich vermute eher, dass sich eine oder mehrere Gruppen Halbstarker mit den Behörden messen wollen und auf dicke Indianereier machen. Die reichliche Publicity schmiert das Ego zusätzlich, und Geld und Handys gibts noch obendrauf… Bürger in Angst und Schrecken: Mission accomplished!

    Da toben sich meiner Meinung nach Aachener aus. Und damit ist das Problem hausgemacht.

    Ja, wir brauchen mehr Polizisten. Und Streetworker. Und anspruchsvolle Jugendförderung mit Perspektiven. Aber das kostet leider alles Geld und ist offensichtlich nicht systemrelevant.

    Und da gebe ich Dir Recht: Nein, wir brauchen garantiert keine patroullierenden Bürger. Mögen deren Motive noch so „ehrenwert“ sein, sie ziehen automatisch Gesindel an. Wer mag, der darf gerne mal nach „DPHW“ suchen…

    Statt sich hochmotiviert auf der Suche nach den Tätern die Nächte um die Ohren zu schlagen, sollten sie vielleicht zu zivilen Zeiten in die „Problemviertel“ gehen und sich dort mit den Jugendlichen auf Augenhöhe beschäftigen (Sport, z.B.; sie sehen zumindest lt. Zeitungsbericht so aus, als ob sie für Kontaktsport etwas übrig haben, was dem besagten Ego entgegenkäme).

    Dann klappts auch wieder besser mit dem Nachtschwärmen. Denke ich.

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  2. mv schreibt:

    Christoph Allemand hat mir zum Thema folgende Zeilen zukommen lassen, die ich hier einstellen darf:

    „Liebe Margret Vallot, ich kann verstehen, dass die nächtliche Raubserie in der Innenstadt Aachens zu großer Beunruhigung und Unsicherheit führt. Auch ich achte darauf, das alle Freunde begleitet nach Hause kommen und suche selber „Mitgeher“ auf dem Weg nach Hause. So ein Verhalten reduziert ja schon automatisch die Möglichkeit für weitere Übergriffe. Einer privat organisierten Bewachung der Innenstadt solle man aber spektisch gegenüberstehen. Hier könnten sich Grauzonen ergeben hinsichtlich der Zuständigkeiten einer solchen privaten Bürgerwehr. Wer kann danach messen und beurteilen, welches Verhalten zu einem Eingriff führt und welches nicht, und weiter, welches Verhalten ist in diesem Zusammenhang richtig und zielführend und welches ist wohlmöglich schädlich und sogar strafbar seitens der privaten Initiative? Nun, ich hoffe, Sie bedenken diese Aspekte mit.“

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  3. Anonymous schreibt:

    Ich sehe auch nicht, inwieweit einige Raubueberfaelle ein existentielles Problem fuer das Lebensgefuehl einer Stadt sein sollte. Wenn ich nachts durch die Strassen laufe, sehe ich entspannte und froehliche Menschen, die mit ihren Freunden unterwegs sind. Vielleicht bin ich da naiv, aber ich sehe da einfach kein Sicherheitsproblem. Einzelfaelle, und meinetwegen auch gehaeufte Einzelfaelle wird es immer geben.

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  4. Uschi59 schreibt:

    Das ist mir zu fatalistisch, wie Du das schreibst. Wachsende Gewalt auf den Straßen ist doch nichts, was mit dem Fortschreiten „der Zeiten“ natürlicherweise einhergeht.

    Nicht mehr alleine nachts gehen ist natürlich die Maßnahme der Wahl – aber das ist ja nicht immer realisierbar. So können sich wahrscheinlich vor allem die Taxifahrer bei den Gewaltausübenden für erhöhte nächtliche Umsätze bedanken. Ich selbst gehe nichtmals mehr den kurzen Weg von unserer Stammkneipe bis nach Hause zu Fuß… Aber es ärgert mich.

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