Ein Preisträger erzählt eine uralte Geschichte

Im Ballsaal des Alten Kurhaus in Aachen (hier ein altes Foto aus der Wikipedia) hat heute der Schriftsteller Michael Köhlmeier den Walter-Hasenclever-Preis der Stadt Aachen erhalten.

Im Ballsaal des Alten Kurhaus in Aachen (hier ein altes Foto, aus der Wikipedia entnommen) hat heute der Schriftsteller Michael Köhlmeier den Walter-Hasenclever-Preis der Stadt Aachen erhalten.

Heute hat der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier den Walter-Hasenclever-Preis der Stadt Aachen bekommen. Die Preisverleihung fand im Alten Kurhaus statt und zwar in festlichem Rahmen. Man bekam gleich Lust, in die Walter-Hasenclever-Gesellschaft Aachen einzutreten. Wer solche vorzüglichen Künstler auszeichnet und nach Aachen holt, das müssen interessante Menschen sein.

Oberbürgermeister Philipp sagte in seiner Begrüßungsrede schon viel. Aber unter anderem auch das: Was Europa ausmacht und konstituiert, das sei nicht der Euro, das sei auch nicht dass es keine Grenzen mehr gebe zwischen den Ländern usw. Es seien die gemeinsamen Werte und die gemeinsamen guten und schlimmen Erfahrungen dieses Kontinents. Von diesen würden die Bücher des Preisträgers handeln.

Statt einer Laudatio gab es etwas anderes. Michael Köhlmeier erzählte eine Geschichte, und ein befreundeter Professor aus Wien (Name entfallen) interpretierte die Geschichte. Das war wirklich toll, denn wie sich schon nach den ersten frei vorgetragenen Sätzen herausstellte, ist Michael Köhlmeier ein guter Geschichtenerzähler. 300 Festgäste klebten an seinen Lippen.

Es war eine lange, uralte Geschichte aus der griechischen Mythologie, sie handelte von zwei Wettkämpfen. Von Medusa, die die schönste von drei sehr schönen Schwestern war. Und die eines Tages meint, sie sei fast so schön wie die Göttin Athene. Wenig später denkt sie, sie sei eigentlich genau so schön wie Athene und schließlich sagt sie sogar, sie sei doch wohl sogar noch ein bisschen schöner als Athene.

Zweiter Hauptdarsteller in der Geschichte ist der Satyr Marsyas, sehr hässlich, der wunderbar auf einer Flöte spielen kann. Er denkt auf einmal, er kann schon fast so schön spielen wie Apollon auf seiner Lyra. Dann meint er, er kann genau so schön spielen wie Apoll, und schließlich denk er, er  kann sogar noch ein bisschen besser spielen als Apoll.

Beide Größenwahnsinnigen werden von den Göttern grausam bestraft. In ihrer Hybris haben sie sich mit den Göttern verglichen und sich sogar besser gefunden. Das, so will die Geschichte erzählen, geht niemals gut. Der Wahn, man sei in irgendetwas geradezu überirdisch gut, befällt ja nicht nur Musiker und andere Künstler, sondern heutzutage ganze Firmen, s. Apple.

Im Alten Kurhaus befand sich viele Jahre lang die Neue Galerie -Sammlung Ludwig. Signaturen auf Kunstwerken verweisen auf diese Einrichtung.

Im Alten Kurhaus befand sich viele Jahre lang die Neue Galerie -Sammlung Ludwig. Signaturen auf Kunstwerken verweisen auf diese Einrichtung.

Diese doch recht schlichte Geschichte von zwei Abgehobenen, die sich selbst ganz toll finden, erzählte Michael Köhlmeier. Wie er erzählte, das war ungeheuer spannend, er schmückte den Gang der Handlung auch mit allerhand witzigen Nebenbemerkungen aus. Die Interpretation des Professors hingegen befasste sich nur mit der einen Hauptperson, dem Satyr, der ja ein Künstler ist. Und merkwürdigerweise las der Wiener aus der Geschichte auch noch heraus, dass diejenigen, die schwer leiden, deshalb zu großer Kunst fähig sind. Durch Leid zur Kunst. Na ja. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum.

Grauenvolles Leid hindert Menschen daran, künstlerisch tätig zu sein. Und dass jemand, trotz Not und Pein ein großer Künstler wurde, das ist etwas so Außergewöhnliches, dass man diese Lebensgeschichte nicht vergisst und immer wieder und wieder erzählt. 95 Prozent aller Künstler wurden aktiv, als es ihnen einigermaßen gut ging. Sie hatten genug zu essen, hatten ein Dach über dem Kopf, jemand, der sie mit dem Nötigsten versorgte und erlebten gute Zeiten.

Dass ein Sich-Messen hinsichtlich der Schönheit (Frauen) etwa ganz anderes ist, als ein Sich-Messen bezüglich des kunstfertigen Musizierens, das erwähnte der Professor nicht. Schönheit ist eine Frage der Gene, es ist passiv. Kunst ist möglich, wenn jemand aktiv wird, viel übt, sich große Mühe gibt. So kann man sagen: Es wurde eine Geschichte erzählt, die die Vorurteile von Frauen als lediglich schön und sonst nichts, und den Männern als aktive, (Kunst) produzierende Wesen wiederspiegelt.

Stimmungsvoll unterbrochen wurde die Veranstaltung durch die Musik von Heribert Leuchter, der auf dem Saxophon spielte. – Zum Schluss sprach der Preisträger selbst. Eindrucksvoll verglich er die Zeit, in der er seine 64 Lebensjahre verbringen durfte mit jenen Jahren, in denen Walter Hasenclever lebte. Er kam zu dem Schluss, dass er und wir alle in einer guten Zeit leben, wo man nicht durch Schweigen, durch Wegschauen, durch Mitlaufen, Verrat und Kriegshandlungen zum Verbrecher werden musste.

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Bezüglich Apple rate ich, folgenden Beitrag von Richard Gutjahr zu lesen. Es lohnt sich. https://krautreporter.de/85–der-apfel-fallt-nicht-weit-vom-bann

 

Über uebergangshymne

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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