Wir kommen als Freunde . . . nach Polen

Den Marktplatz von Jelenia Gora umgeben Bürgerhäuser mit Laubengängen. In diesen Häusern  wohnten die reichsten Leute der Stadt: Kaufleute und Krämer. Alle Fotos entstanden am frühen Sonntagmorgen. Es waren kaum Leute unterwegs.

Typisch für Jelenia Gora: Bürgerhäuser mit Laubengängen. In diesen Häusern wohnten die reichsten Leute der Stadt: Kaufleute und Krämer. Alle Fotos entstanden am frühen Sonntag morgen. Es waren kaum Menschen unterwegs.

Blick über den Markt zu den Häusern.

Blick über den Markt zu den Häusern. Fast alle haben eine 3-Fenster-Front. Und obwohl sie sich sehr ähnlich sind, ist doch jedes verschieden.

Wer hätte gedacht, dass es in Polen, im ehemaligen Niederschlesien, mitten im Winter eine so außergewöhnlich schöne Stadt zu entdecken gibt? Ich wurde überrascht, als ich Mitte Dezember mit mehreren Mitgliedern des Partnerschaftsbeirates der StädteRegion Aachen nach Jelenia Gora reiste. 6850 Euro hat die StädteRegion für diese Reise zur Verfügung gestellt.

Die Fahrt ist Teil der Partnerschaftsarbeit und auch Bestandteil eines EU-GreKo-Projekts. Das bedeutet, dass die EU es unterstützt, wenn Menschen aus Deutschland und Polen sich näherkommen und Freundschaft schließen. Und das, ich nehme hier das Resümee schon vorweg, ist auch geschehen.

Vor dem Rathaus: ein Weihnachtsbaum mit Riesenschleife.

Vor dem Rathaus: ein Weihnachtsbaum mit Riesenschleife.

Es handelt sich um eine erweiterte Partnerschaft, an der auch die Stadt Bamberg beteiligt ist sowie eine Region in Tschechien. In Jelenia Gora wurden Aktivitäten verabredet, die 2015 die Feier zum 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft betreffen. Es wurden außerdem Sach- und Geldspenden an Bedürftige überreicht und eine vom Roten Kreuz organisierte Weihnachtsfeier besucht.

Besonders eindrucksvoll fand ich den Besuch in einem Kinderheim. 30 Kinder leben in dem Heim, alles Kinder, die von den Eltern getrennt werden mussten. In dem Heim, das von Aussehen und Atmosphäre dem Agnesheim in Stolberg glich, hatten Jungen und Mädchen für uns einige Lieder einstudiert. Das Personal befragte uns sehr intensiv: Wer wir genau sind und warum wir nach Polen kommen, was uns motiviert? Man spürte deutlich das Interesse an uns und an Deutschland. Ich sagte, dass mein Vater im Weltkrieg als Soldat in Polen war und dass ich, als ich von dem Freundschaftsprojekt hörte sofort dachte: Da möchte ich unbedingt mitmachen.

Den Marktplatz umgeben Barock- und Rokokobürgerhäuser mit Laubengängen.   Die Laubengänge waren je nach Bestimmung benannt. Es gab Kürschner-, Tuch-, Garn-, Seildreher, Weißgerber-, Korn- und Butterlauben.

Den Marktplatz umgeben Barock- und Rokokobürgerhäuser mit Laubengängen. Die Laubengänge waren je nach Bestimmung benannt. Es gab Kürschner-, Tuch-, Garn-, Seildreher, Weißgerber-, Korn- und Butterlauben.

Die Erzieher wunderten sich, dass wir so unterschiedlichen politischen Parteien angehören und uns doch recht gut verstehen, „das wäre in Polen unmöglich“ ließen sie übersetzen. Wir waren ja als Mitglieder und Vertreter von CDU, SPD, Die Linke, Grünen und Piraten unterwegs und allen war das Ziel der Reise klar: Die Menschen kennenlernen und das entdecken, was wir sympathisch finden. Man wunderte sich sehr, als wir erzählten, dass wir in Aachen derzeit täglich durchschnittlich fünf minderjährige Flüchtlinge aufgreifen und unterbringen müssen. Die Mitarbeiter im Kinderheim konnten es kaum fassen, sie versicherten, das gebe es in Polen nicht und woher genau die Flüchtlinge denn eigentlich kämen.

Alles wurde fleißig übersetzt von Monika L., die noch bis März eine Stelle bei der Städteregion hat. Ende März läuft ihr Vertrag aus, sie hofft auf Weiterbeschäftigung. Monika L. spricht perfekt Polnisch, weil sie bis zu ihrem 10. Lebensjahr dort gelebt hat.

Ich hatte Gelegenheit, erstmals die Stadt Jelenia Gora (vormals: Hirschberg) zu besichtigen. Das imposante Rathaus (ein klassizistischer Bau aus den Jahren 1744-1749) ist Sitz der Stadtverwaltung und hat in seinem Keller ein uriges Restaurant. Dort aßen wir fröhlich deftige Speisen. Bis ins 19. Jahrhundert stand auch ein steinerner Pranger vor dem Rathaus. Die Stadt hat einen wunderbaren Mittelpunkt: ein Marktplatz mit einheitlich gebauten Bürgerhäusern ringsum (aus dem 17. und 18. Jahrhundert).

Eindrucksvoll war am Sonntag der Besuch der Messe in der alten Kathedrale. Sie war übervoll, und ich konnte die sprichwörtliche Religiosität der Menschen erleben. Es war umwerfend, wie innig alle im Gebet verharrten und wie viele zur Kommunion gingen. Von dem enormen Reichtum der Stadt und ihren einst weltweiten Wirtschaftsbeziehungen (im 18. Jahrh.) kündeten die Prachtbauten auf dem Friedhof. Wer sich solche Grabstätten bauen konnte, muss ungeheuer reich gewesen sein.

Eine von mehreren Messen, die sonntags in der  prächtig ausgestatteten Kirche gefeiert wurden. Die Wände schmückten Bibeltexte in deutscher Sprache. Alles war in einem guten Zustand.

Eine von mehreren Messen, die sonntags in der prächtig ausgestatteten Kirche gefeiert wurden. Die Wände schmücken Bibeltexte in deutscher Sprache. Alles ist in einem guten Zustand.

 

Zu einem etwas festlichen Abendessen mit den Partnern aus Jelenia Gora, aus der Städteregion, aus Bamberg und Tschechien war auch ein polnischer Geistlicher erschienen, der uns eine religiöse Schrift in deutscher Sprache überreichte. Die nun wieder entpuppte sich als wahre Schreckensschrift. Es geht um das richtige und gute Leben, um Kinder, um Männer und Frauen und die Familie. Ich hatte noch nie ein Kompendium so uralter Vorurteile versammelt gefunden wie hier. Eine Kostprobe: „Du bist eine Blume. Warte in der Sonne der Keuschheit auf deinen Schmetterling. Die erste Liebe soll froh, diskret und rein sein . . .“ Und das 30 Seiten lang.

In Polen gab es vor ein paar Wochen Kommunalwahlen. Es entstand zunächst ein ziemliches Durcheinander, rein organisatorisch. Außerdem sind die Wahlen in der Region Jelenia Gora so ausgegangen, dass ohne Koalitionen nichts zu machen ist und quasi Parteien koalieren müssen, die partout nicht miteinander können. Es ist so kompliziert, dass ich bis jetzt noch nicht durchblicke. Am Tag unserer Abreise musste das dortige Parlament den neuen Landrat wählen. Das wurde von einigen aus der Gruppe vor Ort beobachtet. Niemand hatte sie auf dem Schirm, aber gewählt wurde eine Dame. Sie versicherte bei ihrer ersten Rede unter anderem, dass ihr  – wie ihrem Vorgänger – die Partnerschaft mit der  Städteregion Aachen wichtig sei.

Blick auf einen Teil des Friedhofs. Viele  "Gebäude" standen nebeneinander. Davon sind heute nur noch Reste vorhanden.

Blick auf einen Teil des Friedhofs. Viele „Gebäude“ standen nebeneinander. Davon sind heute nur noch Reste vorhanden. Da, wo die Bögen sind, stand wohl jeweils ein Bauwerk.

In der Stadt: Auffallend viele Palais, Residenzen, repräsentative Prachtbauten aus alter Zeit. Aber nicht alle sind restauriert.

Es gibt auffallend viele Palais, Residenzen, repräsentative Prachtbauten aus alter Zeit. Aber nicht alle sind restauriert.

In diesem Gebäude wurden handwerkliche Arbeiten verkauft.

In diesem Gebäude wurden handwerkliche Arbeiten verkauft.

Das Portal einer orthodoxen Kirche, leider geschlossen.

Das Portal einer orthodoxen Kirche, leider geschlossen.

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(Alle Infos habe ich, weil ich es erlebt habe, weil es Infotafeln gab oder mir von kenntnisreichen Mitreisenden berichtet wurde. Sollte es Fehler und Ergänzungen geben: bitte informiert mich.)

Über AachenNews

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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