Von „Schutzengeln auf zwei Beinen“

Vor wenigen Tagen ist der Aachener Autor Helmut Clahsen gestorben. Clahsen ist durch sein Buch „Mama, was ist ein Judenbalg?“ berühmt geworden. Dieses  Buch schildert ein bedeutendes Stück Aachener Geschichte – so spannend und einfühlsam, wie man es selten zu lesen bekommt.

Helmut Clahsen war das Kind einer jüdischen Mutter. Er hat in Aachen die Naziszeit überlebt, weil ihm und seinem kleinen Bruder viele Menschen geholfen haben, nicht nur in Aachen, sondern auch in der Eifel, besonders in Höfen. Das Buch schildert auch grausame Szenen, aber es lässt einen nicht verzweifeln. Im Gegenteil: Es gibt offenbar selbst in Zeiten, in denen sich die Barbarei hemmungslos ausbreitet, viele gute Menschen, die nicht aufhören, Gutes zu tun und anderen beizustehen.

Dr. Herbert Ruland hat einen Nachruf verfasst, den wir hier veröffentlichen dürfen. Vielen Dank.

 

Zum Tod von Helmut Clahsen 1931 – 2015

Von Dr. Herbert Ruland

Es war zu Beginn der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Ich wohnte damals in Eynatten und ging mir öfters ein Feierabendbierchen bei „Klara“ im fußläufig erreichbaren legendären „Sportcafé“ trinken. Eines Abends stand eine größere Gruppe Männer an der Theke, von denen mir etliche bekannt waren. Es waren Mitglieder des Männergesangvereins St. Cäcilia, die sich hier nach der Chorprobe noch eine Entspannung gönnten. Ich kam schließlich mit einem großen Mann mittleren Alters ins Gespräch, der mir bis dahin noch vollständig unbekannt war. Er erzählte mir mit deutlicher Sprachfärbung, dass er aus Aachen stamme, und dass er den Belgiern – wie er sich ausdrückte – auf ewig zum Dank verpflichtet sei.

Ihnen sei es zu verdanken gewesen, dass er und sein jüngerer Bruder „Heini“ die NS-Zeit überlebt hätten. Obwohl selbst mit Religion wenig am Hut, hatte er sich auch aus Dankbarkeit heraus dem katholischen Männergesangsverein hier auf der belgischen Seite angeschlossen. Und aus eben diesem Gefühl heraus hatten seine Kinder auch die Primarschule in Raeren besucht.

Er erzählte mir dann einige Details aus seiner Familiengeschichte. Seine Mutter stammte aus einer weitverzweigten jüdischen Familie und war ihm und seinen Geschwistern kurz vor dem Krieg von den Nazis weggenommen worden.
Mit der Unterstützung zahlreicher, meist selbstloser Helfer kamen die beiden Jungs bis zur Befreiung durch die Amerikaner im Herbst 1944 in unzähligen Verstecken unter – Helmut sprach später einmal von über 40 verschiedenen Orten. Auf Helmut, selbst noch ein Kind, kam dabei auch noch die schwere Aufgabe zu, seinen jüngeren Bruder zu beaufsichtigen. Dieser hatte durch sein aufsässiges und aggressives Verhalten die Beiden mehrfach in Gefahr gebracht aufzufliegen und den Nazi-Schergen in die Hände zu fallen.

1943 waren die Brüder in das damals von Deutschland annektierte belgische Dorf Gemmenich gebracht worden. Nachdem sie die erste Nacht in einer Bäckerei, hinter Mehlsäcken versteckt, verbracht hatten, kamen sie am nächsten Tag in das Kloster Völkerich. Unter den zahlreichen hier untergebrachten

Clahsen Aachen

Wer Aachen und die Region in der Zeit des Nationalsozialismus verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei: Helmut Clahsen, „Mama, was ist ein Judenbalg?“, Helios Verlag, 2003.
Foto: Johannes Meier

Knaben befanden sich nicht nur jüdische, sondern auch andere von den Nazis verfolgte Kinder, sogenannte „Asoziale“ oder Behinderte im Jargon der Zeit als „lebensunwertes Leben“ bezeichnet. War Gefahr im Verzug, wurde etwa eine Razzia befürchtet, kamen die besonders gefährdeten Kinder bei vertrauenswürdigen Personen in der Nachbarschaft unter.

Ich weiß noch heute, wie nahe mir der kurze Einblick in die Lebensgeschichte dieses mir bis dahin gänzlich unbekannten Mannes ging.
Damals beschäftigte ich mich bereits beruflich aber auch privat mit der Zeitgeschichte des Grenzlandes. Auch die 1919/20 belgisch gewordenen Kreise Eupen und Malmedy waren in den dreißiger Jahren keine Insel der Glückseeligkeit. Die NS-Bewegung firmierte hier unter der Bezeichnung „Heimattreue Front“ und hatte damals in Eupener Stadtrat die absolute Mehrheit der Sitze. Nach der Pogromnacht 1938 war auch auf den Schaufenstern eines jüdischen Geschäfts in Eupen „Juda verrecke“ zu lesen gewesen . . .

Dieser Teil der eigenen Geschichte war damals hier noch von zahlreichen Tabus umgeben und wurde weitestgehend verdrängt. Viele Akteure lebten noch: Lieber als von der NS-Zeit, sprach man über die Nachkriegszeit, über das vermeintliche Unrecht, das die belgischen Sieger damals der hiesigen Bevölkerung angetan hätten. Da wurden wohl Ursache und Wirkung etwas durcheinander gebracht!
Hier stand mir also jetzt jemand gegenüber, der diese unfassbare Zeit hier im Grenzland nicht nur miterlebt, sondern glücklicherweise – bei vielen „Schutzengeln auf zwei Beinen“ – wie er es mir gegenüber später einmal ausdrückte – überlebt hatte.

Für mich stand fest: Die Geschichte gehörte an die Öffentlichkeit, sie musste publiziert und der Mann als Zeitzeuge in die Schulen gehen. Ich fragte meinen Thekenpartner, ob er denn seine Biographie schon zu Papier gebracht habe. Ja, er hatte sich schon einmal daran gemacht: Er, der erst nach dem Krieg, durch den engagierten Einsatz seines Lehrherrn, eines Konditormeisters, richtig schreiben und lesen gelernt hatte. Das Werk sei aber, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, gestohlen worden. Ich ermunterte den Mann, es auf ein Neues zu versuchen . . .

Viele Jahre später war ich auf einer gut besuchten Veranstaltung im „Welthaus“ in Aachen. Helmut Clahsen las aus seinem autobiographischen Manuskript „Mama, was ist ein Judenbalg?“. Er hatte den Text bereits – wie Sauerbier – zahlreichen Verlagen ohne Erfolg vorgelegt: Einmal hieß es sogar, er solle es mal bei einem Kinderbuchverlag versuchen!
Dabei hatte Helmut Clahsen damals schon schriftstellerisches Talent bewiesen. Er hatte ein Buch veröffentlicht, in dem er beschreibt, wie seine Frau die Folgen eines Schlaganfalls erfolgreich in den Griff bekommen hatte. Dieses Werk gehört heute zur Fachliteratur und wird an Schlaganfallpatienten in der Rehabilitation verteilt.

Es sollte sich als Glücksfall für alle herausstellen, dass auf der Veranstaltung im „Welthaus“ ein regionaler Verleger, vielleicht auf Talentsuche, anwesend war. Ihm war wohl ziemlich schnell klar, welches Potential in dem hier vorgetragenen Material steckte. Das Manuskript wurde leicht überarbeitet, vor allem erheblich gekürzt und erschien dann unter dem oben bereits zitierten Titel. Das Buch entwickelte sich zu einem auch überregionalen „Bestseller“. Zahlreiche weitere Werke von Helmut Clahsen folgten . . .

Ein Lebensanliegen von Helmut Clahsen war es, an Schulen aus seinem Leben zu berichten, nicht nur auf beiden Seiten der deutsch-belgischen Grenze, sondern auch an weiter entfernten Orten. Im Frühsommer hat er noch an der Universität Antwerpen vor 1300(!) Zuhörern gelesen.
Helmut war einer der wenigen Zeitzeugen, den man auch unbedenklich zu ganz jungen Schülern schicken konnte. Er hatte die wirklich höchst seltene Gabe, diesen Kindern etwas zu vermitteln ohne dass auch nur das geringste Gefühl von Angst aufkam.

Seit dem ersten Treffen bei „Klara“ habe ich viele unvergessliche Stunden mit Helmut und meist auch mit seiner lieben Frau Lilo erlebt. Wir waren zusammen in Berlin, haben gemeinsam zahlreiche Veranstaltungen im In- und Ausland bestritten.
Besonders gerne denke ich auch an das Projekt an der Schule „Notre Dame“ in Moresnet-Chappelle 2005 zurück. Unter der Mitwirkung von Helmut Clahsen suchten die Schüler nach Nachfahren von Menschen, die in dieser Region 1943/44 gefährdete Kinder wie Clahsen und seinen Bruder versteckt hatten. Die Nachfahren wurden am 6. Mai, zwei Tage vor dem sechzigsten Jahrestag der Befreiung der Länder und der Lager vom Faschismus, in der Schule auf einer beeindruckenden Feier ausgezeichnet.

2012 hat GrenzGeschichteDG einen biographischen Film über Helmut Clahsen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Helmut ist am Freitag, 24. Oktober, um 11 Uhr von uns gegangen. Erst vor wenigen Wochen war bei ihm ein unheilbares Lungenkarzinom festgestellt worden. Nach dem ersten ungeheuerlichen Schock hatten er und seine Familie diesen Tatbestand akzeptiert. Dank der hervorragenden Betreuung durch ‚Homecare‘, einer gemeinnützigen privaten Palliativpflegeeinrichtung in Aachen, konnte er die verbleibenden Tage und Wochen im Kreis seiner Familie – und zahlreichen Besuchs – zu Hause verbringen.
Wir waren noch letzten Sonntag bei ihm. Er war in guter und fast ausgelassener Stimmung. Er erzählte Anekdötchen und gab uns dann noch eine private Lesung von skurrilen, wohl noch nicht veröffentlichten Kurzgeschichten: so die Geschichte vom Hund Susi, der die Zähne wie Max Schmeling fletschen konnte.

Die Lücke, die Helmut hinterlässt, kann nicht geschlossen werden. Viele Menschen, Jung und Alt, von Nah und Fern werden sich gerne an ihn erinnern. Mit ihm verlässt einer der letzten Zeitzeugen die Bühne, die noch über den Holocaust und die anderen Nazi-Verbrechen, aber auch über zahlreiche oft unbekannte Helfer und Retter in dunkler Zeit berichten konnten.

Zum Verlust dieses wunderbaren Menschen gilt unsere Anteilnahme der Familie, insbesondere seiner Frau Lilo und den Kindern.

*
Wer Helmut Clahsen noch einmal im Film sehen will, kann die Dokumentation: Helmut Clahsen. “Von Schutzengeln auf zwei Beinen und Verrätern in der eigenen Familie“ – Ein jüdisches Kind überlebt den NS-Terror“ kostenlos –so lange der Vorrat reicht – bei GrenzGeschichteDG bestellen. Weitere Infos hier:

borst.gabi@ahs-dg.be
www.grenzgeschichte.eu
www.ahs-dg.be

Über AachenNews

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.