Reise nach Berlin

Die beste Ferienwoche von allen war jüngst die Woche in Berlin. Ich bin ganz allein nach Berlin gefahren, im Zug, was sehr bequem war, zumal ich von hier aus nur in Köln umsteigen musste. Erste Klasse fahren ist ganz gut, man hat viel Platz, aber die Leute!!!!! Doch leider weitgehend unsympathisch.

In Berlin angekommen ging es weiter zum Hotel, das hatte ich leider so zwischen Tür und Angel irgendwann mal gebucht, und es war kein Hotel, sondern – Überraschung – eine kleine Wohnung. Nachteil: Kein Frühstücksbuffett. Vorteil: Man kann morgens in Pantoffeln in die Küche schlurfen und gemütlich Kaffee machen, spaziert dann ins geräumige Bad, während nebenan das tv Nachrichten bringt usw.

Am ersten Tag in Berlin ging es gleich in die Pflugstraße, und ich konnte sehen: Die Piraten-Zentrale gibt es wirklich. Es sind zwei Büros und eine Küche. Die Toiletten sind getrennt nach „Mit Pinkelbecken“ und „Ohne Pinkelbecken“ oder so ähnlich stand es auf den Türen. Fand ich schon mal cool.
Weil Jörg Tauss getwittert hatte, er wäre abends in seiner Stammkneipe, ebenfalls Pflugstraße, verfügte ich mich später dahin. Von Tauss keine Spur. Ich so zum Wirt: „Ist der Jörg Tausss schon wieder weg?“ Der Wirt so: „Der Tauss ist heute beim SPD-Fest.“ Langes Schweigen. Dann: „Das SPD-Fest ist im Konrad-Adenauer-Haus, da ist der Tauss bestimmt heute.“ Ich so: „Das kann nicht sein.“ Wirt: „Na, in dem Haus, wie hieß denn der andere, nicht Adenauer, sondern . . .“ Ich so: „Willy Brandt?“. Der Wirt: „Ja genau, da ist heute Sommerfest.“
So plauderten wir, ich hab erst Tage später gemerkt, dass der Wirt im Osten aufgewachsen ist und sich mit unseren Promi-Politikern der 60er, 70er, 80er Jahre nicht auskennt. Verständlicherweise.
Aber ich dachte schon: „Allerhand, Stammkneipe mit so einem unpolitischen Wirt . . . .“
Später kam Jörg Tauss vorbei, wir unterhielten uns prima, und er fragte, ob ich zwei Tage später den Bundestag mit besichtigen gehen will. Ich sagte „ja“ und ab mit Taxi in die Wohnung.

Am nächsten Tag gab es ein „Pressefrühstück“ in der Piraten-Geschäftstelle, ich bin schließlich außer Pirat auch Journalistin und nahm also an der Frühstückstafel Platz. Stunden später konnte ich schon den TAZ-Bericht lesen. War mal sehr erhellend, weil ich wußte: Was gesagt worden war, war nicht ganz deckungsgleich mit dem, was später zu lesen war. Auffallend: Die Spiegel-Journalistin hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was Liquid Feedback ist oder sein könnte und zu was es gut ist. Nicht den Hauch einer Ahnung. Dabei ist es ein Experiment, das so oder so für demokratische Entscheidungs-Prozesse einmal wichtig sein wird.

Bei dem Pressefrühstück habe ich auch Maha ganz kurz kennengelernt, wie überhaupt einige Leute, deren Stimmen ich bis dato nur von Podkasts kannte. Das war spannend. Nachmittags in die Galerie LaFayette, ein riesiger Glaskasten mit allem, was das Herz einer ubergangshymne erfreut. Klamotten, Kosmetik, Schuhe, Parfüm, Unterwäsche, Taschen . . . . alles zum Niederknien schön designed, ein Tempel.

Tags drauf um 18 Uhr ging die Führung durch den Bundestag los. Und das mit einem so kritischen Ex-Abgeordneten, der 15 Jahre dort ein- und ausgegangen ist. Alle Fragen wurden beantwortet. Auffallend: Ganz viel moderne Kunst befindet sich in dem Gebäude. Also nicht die klassische Moderne, die ja noch zu verstehen ist, sondern Gegenwartskunst, das Schwerste (und Beste) vom Schwersten. Das beeindruckt mich noch jetzt. So progressiv hätte ich mir die Deko nicht vorgestellt. Im Andachtsraum die Arbeiten von meinem Lieblingskünstler Günter Uecker. Kunst und Politik satt, ich war und bin davon extrem begeistert (habe in jungen Jahren Politik studiert und auch etwas Kunstgeschichte).
Mit bei der Besichtigung, an der ich unverhofft teilnehmen konnte: Freiburger Piraten, die alle sehr sympathisch rüberkamen. Im Bundestag stießen wir auf einem Flur auf eine Gruppe von Grünen. Wir schauen uns an, was die machen, und eine von denen sagt: „Uns kann man auch wählen.“
Jetzt kommt mir angesichts der Grünen sowieso gelegentlich der Kaffee hoch, aber da schoss es aus mir heraus: „Ich will lieber im Kosovo tot übern Zaun hängen als nochmal Grüne zu wählen.“ Du liebe Güte. Wie immer, wenig, zu wenig diplomatisch. „Wie bitte??“ fragte etwas streng die grüne Dame. ZUM GLÜCK sprach Jörg Tauss flott ein paar verbindliche Worte und das Thema Kosovo wurde nicht weiter vertieft. Ich fragte mich aber noch abends, warum das immer sein muss, dass ich so unfreundliche Bemerkungen mache. (Obwohl die Aussage von mir inhaltlich genau stimmt.)

Nach der zweistündigen Besichtigung, die mir wie eine halbe Stunde vorkam, gings zum ARD-Studio-Haus, wo wir im Freien Suppe aßen und ich Bierchen trinken konnte. Dann mit U-Bahn in die Wohnung.

Tags drauf sammelte sich alles um 13 Uhr auf dem Potsdamer Platz zur „Freiheit statt Angst“ – Demo. Ich kam etwas zu spät, die Wohnung hatte schon ein Gesicht bekommen und war gemütlich. 7500 sollen es gewesen sein. Ich meine, es waren 10 000 ganz sicher. Wie 7000 aussehen, das weiß ich, die passen genau in Aachen auf den Katschhof. Und was sich da in Marsch setzte, das war zweimal Katschhof. Na gut. Ich ging mit den Piraten und traf auch gleich zwei Aachener.
Das war eine tolle Demo, mit vielen Piratenfahnen, das hat echt Spaß gemacht. Mitten durch die Innenstadt gings, vorbei an Sehenswürdigkeiten wie dem Stelenfeld, das ich noch nie gesehen hatte. Viele Transparente gabs und Sprüche und Musik. Am Ende war ich müde, hatte die Aachener verloren und
spazierte nochmal zu dem Stelenfeld. Immerhin ist es von Peter Eisenman, der auch in Aachen eine Arbeit im öffentlichen Raum hat und den ich in dieser Angelegenheit mal via Redaktion fernmündlich in New York interviewt habe.

Es ist nicht zu leugnen, dass die Demo in den gängigen Medien wenig Aufmerksamkeit erregte. Es gibt aber im Netz viele tolle Fotos und Videos. Abend in der Wohnung verbracht.

Tags drauf gab es einen „Tag der offenen Tür“ im Bundestag und ein öffentliches Meeting mit Mitgliedern des Enquete-Kommission (neue Medien und Internet, oder so ähnlich) in einem Reichstags-Nebengebäude (Paul-Löbe-Haus). Dabei drei oder vier Piraten und Jörg Tauss, der die Frage stellte, wie das denn zu machen ist, dass im Justizministerium gerade das Urheberrecht neu geordnet wird, wobei die Enquete-Kommission komplett nicht einbezogen wird.
Man konnte aber kaum diskutieren, und mir ist immer noch nicht klar, wieso diese Kommission sich viermal getroffen hat und noch nicht das geringste Ergebnis vorweisen kann, außer dass man sich in Projektgruppen aufgeteilt hat, wo aber erst nach dem dritten Treffen die inhaltliche Arbeit beginnt (vielleicht), weil so viel Formalkram erledigt werden muss.

Einmal im Bundestag, hab ich mir nochmal sehr genau die Uecker-Kunst angeschaut.

Tags drauf gab es dann die fünfte Sitzung der Enquete-Kommission. Ich saß mit den Aachenern auf der Empore. Ich muss sagen: Die Räumlichkeiten sind sehr schön, man kann sich dort wohlfühlen, alles macht mit viel Glas den Eindruck von Transparenz. Der alte Reichstag ist ein Kasten, für den man sich nicht zu schämen braucht, ein prima Parlamentsgebäude mit spektakulärer Kuppel.

So eine Enquete-Sitzung mal mitzuerleben, das ist schon eine Reise nach Berlin wert. Die ganze Kommission bekommt bestimmt kein einziges Problem in den Griff, das mit dem Internet auf den Nägeln brennt. Aber mal zu sehen, wie dort gearbeitet wird, das muss man gesehen haben. 😉 Zum Glück konnte ich von meinem Sitzplatz den SPD-Abgeordneten Dörmann nicht sehen, den ich als charakterlich nicht gerade fair erlebt habe.

Nachmittags viele Gebäude angeschaut, Bahn-Rückfahrkarte gekauft, Rückfahrt, sehr ermüdend. Abends zuhause, 20.30 Uhr beim Piratenstammtisch dabei.

Ja, so war das ;-)))

Über AachenNews

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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