Studierende fordern: RWTH-Rektor soll sich einmischen

Annelies Podbielski (StudentsForFuture, Mitte links), Felix Hartz (Uni.Urban.Mobil, links), Anita Ni (StudentsForFuture, PAN Aachen, rechts) mit dem Rektor der RWTH, Professor Ulrich Rüdiger. Foto: Lennard Gottlieb (StudentsForFuture)

Students For Future Aachen hat sich mit dem Rektor der RWTH, Professor Rüdiger, zur Übergabe eines offenen Briefs (siehe unten: im Wortlaut) getroffen. Der Brief wurde anlässlich der Abstimmung über das „Integrierte Klimaschutzkonzept“ der Stadt Aachen überreicht.

Mit dem Brief bitten verschiedene studentische Initiativen den Rektor als Stellvertreter der Hochschule, Teil der Wissenschaft und Akteur in der Stadt um Hilfe. Hauptkritikpunkte an dem Konzept sind unzureichende Ziele und noch unzureichendere Maßnahmen. Insbesondere wird kritisiert, dass 1,75° C Erderwärmung deutlich zu hoch ist und es dringend der Zielsetzung von einer Erderwärmung von maximal 1,5° C bedarf.

Verwiesen wird in dem Brief außerdem auf die vorangegangene gemeinsame Kritik von „Runder Tisch Klimanotstand Aachen (AG-Verkehr)“, „VCD Aachen-Düren“, „ADFC Aachen“, „Radentscheid Aachen“ und „Uni.Urban.Mobil“ (https://www.uum-ac.de/iksk/) und der Kritik von Health For Future Aachen (https://www.facebook.com/HealthForFutureAachen).

Zur Sitzung des Rates der Stadt findet außerdem heute um 16 Uhr am Eurogress eine Kundgebung zum „Integrierten Klimaschutzkonzept“ statt. StudentsForFuture Aachen wird ebenfalls anwesend sein.

Im Wortlaut

Sehr geehrter Herr Professor Rüdiger,

Aachen, 25. August 2020

vor dem Hintergrund der anstehenden Verabschiedung des Aachener „Integrierten Klimaschutzkonzepts“ bitten wir Sie im Bereich Klimaschutz und Klimagerechtigkeit ein zweites Mal um Unterstützung.

Am 26. August 2020 entscheidet der Stadtrat über das „Integrierte Klimaschutzkonzept“ (IKSK) [1], bestehend aus einem Strategiekonzept für das nächste Jahrzehnt und einem Handlungsprogramm bis 2025. Dies ist die erste ernsthafte Reaktion der Lokalpolitik auf die Klimakrise. Nur durch ein gemeinsames Handeln von allen Akteuren kann diese abgewendet werden.

Die Stadt Aachen steht in der Verantwortung, ihre anteiligen CO2 – Emissionen in Einklang mit dem 1,5° C – Zieli des Bundes-Klimaschutzgesetzes zu begrenzen.

Das IKSK sehen wir nicht als ambitionierten Klimaschutz an: Im Mobilitätsbereich beklagen die lokalen Verkehrsverbände und Initiativen in einer gemeinsamen Stellungnahme mit der AG-Verkehr des Runden Tischs Klimanotstand ein Defizit. Gefordert werden stattdessen konkret nachverfolgbare Meilensteine für die Erreichung des 1,5°C – Zielsi [6]. Auch kritisiert der Runde Tisch Klimanotstand die weiteren zu beschließenden Maßnahmen, da sie das 1,5°C – Ziel verfehlen werden. Gleichzeitigbeklagt „Health for Future Aachen“, dass auch im Gesundheitssektor die Folgen zu spüren sein werden, dies im Aachener Konzept aber nicht berücksichtigt wird [7].

In der EU-Konsultation zum Klimazielplan sprechen Sie sich für eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um mindestens 55 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990 aus. Das IKSK strebt nur eine Reduktion von 50 Prozent im selben Zeitraum an. Wir bitten Sie, Ihre Aussage von der europäischen auf die lokale Ebene zu übertragen, als Hochschule die anteilige Verantwortung zur Einhaltung des CO2 – Restbudgets wahrzunehmen und damit der Stadt Aachen und ihren Einwohner:innen öffentlich zu signalisieren, dass gemeinsam das 1,5°C – Zieli zu erreichen ist. Mit einem gemeinsamen ehrgeizigen Vorgehen können Stadt und Hochschule nicht nur zur Erhaltung der Lebensqualität der Menschen vor Ort beitragen, sondern auch dazu, dass global bestehende Ungleichheiten nicht weiter zunehmen, und damit eine Vorreiterrolle in Nordrhein-Westfalen einnehmen.

Für Ihre Teilnahme an den EU-Konsultationen zum Klimapakt und zum Klimazielplan möchten wir uns an dieser Stelle herzlich bedanken. Wir hoffen nun, auf Sie als zukünftigen Klimabotschafter zählen zu können und würden uns über eine öffentliche Stellungnahme aus wissenschaftlicher Sicht zu den Klimazielen der Stadt Aachen freuen.

Das Konzept wurde vom Fachbereich Umwelt ausgearbeitet. Alle vorgeschlagenen Ziele und daraus abgeleiteten Maßnahmen basieren auf dem für Aachen anteiligen CO2 – Budget, die für das Einhalten eines 1,75 °C – Ziels notwendig wären. Dieses Klimaziel wird im IKSK von einer Veröffentlichung des Sachverständigenrats für Umweltfragen abgeleitet [1]. Jedoch droht bei einer Erderwärmung über 1,5 °Cii die Aktivierung von Kippelementen im Klimasystem, durch deren sich selbst verstärkende Wirkung weite Teile der Erde für Menschen unbewohnbar werden [2;3].

Aktuell sind die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen in Deutschland noch gering, während sich Menschen in vielen Ländern des globalen Südens bereits jetzt schon mit existenziellen Problemen konfrontiert sehen. Lokal und global leiden die Länder und die Menschen am meisten, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben. Aber auch in Deutschland sind bereits erste Auswirkungen, wie u.a. gehäufte Hitzewellen und Dürren zu beobachten. Diese bedrohen nicht nur Lebensräume von Tieren und Pflanzen, sondern stellen auch Menschen, die z.B. in der Landwirtschaft arbeiten, vor Probleme von neuem Ausmaß. Konträr dazu fehlen international, bundesweit, landesweit und kommunal Ambitionen zum ausreichenden Klima – und Umweltschutz. Sei es ein zu später Kohleausstieg, der Bau einer Autobahn durch ein Natur- und Trinkwasserschutzgebiet im Dannenröder Forst oder die Annahme eines wesentlich zu großen Restbudgets an CO2.

Deshalb appellieren wir an Sie, öffentlich ein Zeichen an die Stadt Aachen zu senden, indem sich die RWTH mit ihren Klimaschutzmaßnahmen zur Einhaltung des 1,5°C – Ziels verpflichtet. Bundesweit und international haben sich Hochschulen bereits zu diesem Ziel bekannt: beispielsweise die TU Berlin [4] und die Chalmers University of Technology [5].

In Wahrnehmung ihrer Verantwortung für die Gesellschaft hat auch die RWTH sich für ein sozial, ökologisch und ökonomisch gerechtes Handeln auszusprechen. Die RWTH trägt insbesondere durch ihre Forschungsaktivitäten bereits zum Klimaschutz bei; sie ist aber auch ein relevanter Teil der Stadtgesellschaft. Wir bitten Sie daher, sich in ihrer neuen Rolle als zukünftiger EU-Klimabotschafter auch auf lokaler Ebene für ambitionierten Klimaschutz einzusetzen.

Quellen

[1] http://www.aachen.de/DE/stadt_buerger/energie/konzepte_veranstaltungen/klimaschutzkonzept/

[2] https://www.scientists4future.org/stellungnahme/fakten/ 

[3] https://www.klimafakten.de/meldung/fakten-aus-der-wissenschaft

[4] https://www.youtube.com/watch?v=1JIyCO7RPVk&feature=youtu.be&t=20

[5] https://www.chalmers.se/en/about-chalmers/chalmers-climate-action/climate-framework/Pages/default.aspx

[6] https://uum-ac.de/iksk/

Über AachenNews.org

Ich bin Journalistin und Bloggerin.
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