Pannenreaktor wird am 15. Dezember wieder hochgefahren

In Aachen ist Tihange ein großes Thema, dort steht nämlich – Luftlinie 70 Kilometer von Aachen entfernt – ein Atomreaktor, der mittlerweile tausende feine Risse (am Reaktorbehälter) hat. Und es werden immer mehr. Die Aachener sind zunehmend beunruhigt. Doch wie ist es mit den Menschen im Rest der Städteregion?

Was ist mit den Leuten in Monschau und Simmerath, Eschweiler und Stolberg, Alsdorf und Würselen, Herzogenrath, Kohlscheid und Baesweiler? Lässt sie die Tatsache, dass dieser umstrittene Pannenreaktor am 15. Dezember wieder hochgefahren wird, kalt? Der Pannenreaktor in Tihange sollte eigentlich am 1. Oktober 2015 für immer abgeschaltet werden.

Es gibt viele Fragen und gar keine Transparenz. Wer ist eigentlich zuständig, bei einem Unfall in diesem uralt Reaktor-Modell? Schließlich wurde der Reaktor Anfang der 70er Jahre erstmals hochgefahren (Baubeginn 1970). Er wurde also konstruiert mit der Technik der 60er Jahre. War man damals in Sachen Sicherheit schon auf dem heutigen Stand? Wohl kaum.

Ich bin öfter in Monschau. Was soll ich machen, wenn im Radio die Meldung kommt, dass in Tihange der Reaktor explodiert ist? In den Wald laufen? In den Keller laufen? In den Keller des Verwaltungsgebäudes laufen? In eine Apotheke um für die jüngeren Teile meiner Familie Jodtabletten zu holen? Soll ich mich ins Autos setzen und so schnell wie möglich wegfahren? Warum sagt man uns das nicht im Vorhinein?

Eine radioaktive Wolke braucht bei Westwind von Tihange bis in die Städteregion nur 3 Stunden. Westwind herrscht bei uns ja praktisch immer. Ich habe also nicht viel Zeit zum Überlegen.

Wer ist eigentlich zuständig in der Städteregion im Falle einer immer wahrscheinlicher werdenden Katastrophe? Der Städteregionsrat Helmut Etschenberg? Die Bürgermeister der jeweiligen Gemeinde? Der Chef einer örtlichen Feuerwehr? Und warum haben alle Belgier Jodtabletten zu Hause und die Menschen in der Städteregion Aachen nicht? Werden sie bald Jodtabletten (schützen vor Schilddrüsenkrebs) bekommen?

Alles ist womöglich schon in Katastrophenplänen geregelt. Warum informiert man uns nicht über diese Pläne? Macht es Sinn, Electrabel als  Betreiber von Tihange einmal zu einer Sitzung des Städteregionstages einzuladen und dort die Bedenken zu äußern. Die Maastrichter haben dergleichen getan.

Die Aachener Gruppe „Ärzte gegen den Atomkrieg“ ist wegen des 15. Dezember allmählich aufs Höchste beunruhigt. Sollen wir ihnen oder der belgischen Behörde für die Atomaufsicht vertrauen? Und warum wurden in den vergangenen Jahren die Sirenen abgebaut oder abgeschaltet und in jüngster Zeit ziemlich flott wieder installiert? Oder sollte man solche Fragen besser nicht stellen, weil dann Hysterie entstehen kann?

Hier ein weiterer Bericht zu dem Thema: http://uebergangshymne.com/2015/10/22/aerzte-auf-visite-im-rathaus-die-lage-ist-ernst/

 

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Die Städteregion: Ein Radler-Paradies

Die Mehrheit von Christdemokraten und Grünen im Parlament der Städteregion (Städteregionstag) möchte die Gegend von Monschau bis Baesweiler zu einer Hochburg des Radtourismus machen. Das wurde wieder einmal klar, als jüngst im zuständigen Ausschuss abgestimmt wurde. Es ging um Geld, das in den Bau von Radwegen investiert wird.

Dem Radtourismus gehört die Zukunft, davon gehen insbesondere die Grünen ohne jeden Zweifel aus, und die CDU zieht mit. Auch die Verwaltung der Städteregion mit Helmut Etschenberg (CDU) an der Spitze setzt voll und ganz auf Radtourismus. Das bedeutet, das bei Abstimmungen immer diejenigen eine haushohe Mehrheit erringen, die für mehr Radwege stimmen und nicht contra.

Offenlage:
Der Tourismus- und Kulturausschuss kommt nicht oft zusammen. Zuletzt traf man sich am 11. Juni. zu Beratungen und Entscheidungen. Ende November war es wieder so weit.

Die Entscheidungen im Ausschuss sind – formal gesehen – nicht bindend für die Städteregion. In der Realität kommt es aber nicht vor, dass der Ausschuss anders entscheidet als der Städteregionstag.

Ich bin als sachkundige Bürgerin von der Piratenpartei in dieses Gremium geschickt worden. Pro Sitzung bekomme ich eine Aufwandsentschädigung von 38,40 Euro.

 

Zwei von elf Punkten waren bei der jüngsten Sitzung besonders wichtig.

1. Die Verwaltung hatte vorgeschlagen, dass die Städteregion zusammen mit Alsdorf, Baesweiler, Eschweiler, Herzogenrath, Stolberg und Würselen sich in Köln und Düsseldorf um Fördermittel (Geld) bemüht, um in den genannten Ortschaften den Radtourismus auszubauen.

saal staedteregion

50er-Jahre-Sitzungssaal im Verwaltungsgebäude der Städteregion Aachen.

Ich habe (mit Georg Helg, FDP) dem nicht zugestimmt, weil ich denke, dass diese Kommunen (besonders Stolberg und Herzogenrath) entweder nicht das Geld haben für den Ausbau des Radtourismus oder (besonders Alsdorf) gar nicht für Urlaub mit dem Rad geeignet sind.

Tourismus-Förderung gilt bei der Städteregion als „Wirtschaftsförderung“. Und so gilt die Geldausgabe für den Ausbau von Radwegen als „regionale Wirtschaftsförderung“. Knapp 2 Millionen Euro sollen für die Entwicklung des Radtourismus in den oben genannten Kommunen ausgegeben werden. Der Eigenanteil der Städteregion beträgt 252.900 Euro. Alsdorf, Baesweiler, Eschweiler, Herzogenrath, Stolberg und Würselen müssen sich an dem Radtourismus-Ausbau mit insgesamt 1.429.000 Euro beteiligen.

Radtourismus, das bedeutet übrigens nicht nur: mehr und bessere Radwege. Dazu gehören auch Erlebnisrundtouren schaffen, Info-Zentren für Radler, Reiserlebnisse (entwickelt von einem externen Planungsbüro) inszenieren, Bahnhöfe in Stolberg, Eschweiler, Herzogenrath und Alsdorf/Annapark zu Radwanderbahnhöfen ausbauen. Das alles produziert Folgekosten.

2. Sodann ging es um einen Förderantrag zum Ausbau des RurUfer-Radweges. Das ist ein Radweg, der durch die Städteregion und die Kreise Düren und Heinsberg führt. Städteregionales Gesamtvolumen: 3.256.800 Euro. Es wurde auch hier mit großer Mehrheit beschlossen, diesen Förderantrag via Bezirksregierung beim Land NRW einzureichen. Bei diesem Punkt habe ich mich (wie auch Marika Jungblut, Die Linke) enthalten, denn ich kann letztlich zu der Situation in den beiden Kreisen Düren und Heinsberg nicht wirklich Qualitätvolles sagen. Nur einer stimmte dagegen: Georg Helg, FDP.

Der RurUfer-Radweg führt, wie der Name schon sagt, an der Rur entlang. Es wurde auch mit Mehrheit beschlossen, dass dieser Radweg von nunmehr 2 von 5 Punkten auf 3 Punkte angehoben werden soll, was leicht möglich ist.

*

Ich muss anerkennend sagen, dass Grüne/CDU sich wirklich sehr engagieren für ihre Radwege-Kultur. Und ganz offensichtlich fest und ehrlich davon überzeugt sind, mit diesen Investitionen und Ausbauplänen der Region etwas Gutes zu tun. Ich persönlich sehe unsere Region nicht als Urlaubsregion für Radler, eher

staedteregion Aachen

Das Städteregion-Verwaltungsgebäude in der Aachener Zollernstraße, alter und neuer Teil.

schon für Wanderer. Was die Wirtschaftsförderung betrifft, so würde ich lieber schon bestehende Attraktionen noch attraktiver machen um richtig fett Touristen anzulocken. Ansonsten plädiere ich bei Wirtschaftsförderung für Breitbandausbau (mit Glasfaserkabel, und nicht wie es jetzt vielerorts geplant wird, mit Kupferkabel. Weil: Auslauftechnik.), damit Firmen sich auch in der Eifel ansiedeln können.

Radwege für die Freizeitgestaltung sind etwas anderes als Radwege, die angelegt werden, damit Leute für den Weg zur Arbeit ihr Auto stehen lassen, lange Staus mit vielen Abgasen meiden, kurz: mit dem Rad zur Arbeit fahren. Diese Radwege sind nicht zur Freizeitgestaltung da. Darüber habe ich mit Piraten reichlich diskutiert, da müssen wir Aachener mit den Herzogenrather Piraten noch zu einer gemeinsamen Linie finden.

*

Auf Nachfrage konnte ich erfahren, dass offenbar geplant ist, das KuK (eine Attraktion in Monschau, die mächtig Besucher in die Eifel zieht) doch nicht  mit Sparmaßnahmen zu überziehen. Das zeigt schon, dass in der Städteregion noch oft die Vernunft siegt.

*

Wer sich für den Schulausschuss in der Städteregion interessiert, liest bei meinem Piraten-Kollegen Michael Sahm weiter: http://msahm.piraten.ac/bericht-schulausschuss-staedteregion-aachen-26112015/

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Ein Haus für Spieler, Kunst von Weltrang und Spitzengastronomie

Neues Kurhaus Aachen

Blick auf das Neue Kurhaus, das ab 2017 saniert werden soll. Reproduzierte Kunst von Weltrang, Spitzengastronomie und Spieler sollen dann einziehen.

Was wird aus dem Neuen Kurhaus an der Monheimsallee? Der neoklassizistische Bau ist denkmalgeschützt, gehört der Stadt Aachen und muss dringend saniert werden, was nach ersten Schätzungen gut 20 Millionen Euro kosten wird.

Lange fand sich niemand, der (nach der Sanierung) einmal dort einziehen und das Publikum unterhalten möchte. Jetzt hat die Kölner Eventagentur Explorado Interesse angemeldet, sie will „authentisch“ Künstler von Weltrang (zum Beispiel Michelangelo, Salvador Dalí, René Magritte usw) und ihre Werke vorstellen. Unter anderem ist an die Reproduktion der Sixtinischen Kapelle im Maßstab 1:5 gedacht. (Was sagen eigentlich örtliche und überörtliche Museumschefs zu diesem Ansinnen?)

Das hat jedenfalls die altehrwürdige FAZ schon zu einigem Spott animiert (lesenswert). Sie berichtete von einem „sixtinischen Casino“, das die Aachener mit viel Geld errichten wollen. Dabei muss das Gebäude ohnehin – also mit Kunst oder ohne – saniert werden.

Wahrscheinlich wird man bei der Sanierung am Ende mit 20 Millionen nicht auskommen, ich erinnere an die Oper in Köln. „Bislang sollte die Sanierung der Kölner Bühnen 288 Millionen Euro kosten. Oberbürgermeisterin Henriette Reker geht nun von einem Betrag von bis zu 460 Millionen Euro aus. Die Eröffnung rückt in weite Ferne“, schreibt der „Kölner Stadtanzeiger“.

Neues Kurhaus Aachen

Blick in den Lenné-Pavillon. Er wird abgerissen.

Das Aachener Neue Kurhaus soll wieder schön werden, das ist vom Stadtrat beschlossene Sache. Der Lenné-Pavillon (rechts vom Gebäude) wird abgerissen.

Der alte Mieter, das Spielcasino, will danach nur noch einen kleinen Teil des Gebäudes mieten. Und auch das nur, wenn in den Rest eine Attraktion einzieht, die zusätzlich quasi indirekt Menschen an die Spieltische zieht. Lange wurde gesucht, der ein oder andere Veranstalter (Theater/Varieté) interessierte sich und sprang später wieder ab. Jetzt will man außer dem Casino (links) ein Restaurant (in der Mitte) und die erwähnte Kunsthalle (rechts) installieren. Letztere wird angeblich 85.000 Besucher pro Jahr zählen.

Im Rat der Stadt haben dem alle Parteien zugestimmt, manche Ratsherren und – damen wohl einfach nur, weil man froh ist, dass überhaupt jemand in das monumentale Bauwerk, das doch eigentlich recht sehenswert ist, einzieht (und vor allem Miete zahlt). Mit dem Umbau kann aber wegen allerlei Ausschreibungen und Planungen erst 2017 begonnen werden. Fertig wird alles in etwa vier Jahren, frühestens.

In der Aachener Piratenpartei wurde kurz der Vorschlag diskutiert, das Neue Kurhaus einfach zu verkaufen. Irgendein Multimillionär werde sich schon

Neues Kurhaus Spielkasino

Schwer in die Jahre gekommen: das Neue Kurhaus (erbaut 1914 bis 1916) in Aachen. Alle Fotos: Archiv

finden – bei dem Überfluss an liquiden Mitteln, den diese Leute derzeit vor sich herschieben. Und wenn das Neue Kurhaus auch verkauft wäre, so stünde es doch immer noch an seinem Platz und könnte bewundert werden. Hinein  geht ja sowieso schon länger niemand mehr. Das Spielcasino hat viele „Kunden“ an das Internet verloren, verzeichnet schon lange zurückgehende Besucherzahlen.

Im Stadtrat stimmten am Ende aber auch die Piraten den oben skizzierten Plänen zu. Frühestens 2019 wird man sehen, wer an der Monheimsallee letztlich einzieht.

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Vier Hallen, ein Risse-Reaktor und ein Orden

westbahnhof Aachen

Blick auf das Gelände an der Aachener Süsterfeldstraße, das zunächst Bauten für Flüchtlinge und später den Campus West beherbergen soll. Foto: Archiv

In diesen Tagen kann man sich in Aachen nicht nur über den AKV ärgern, der mit der Auswahl seiner Preisträger (für den „Orden wider den tierischen Ernst“) fast jedes Jahr dem guten Image der Stadt Aachen Schaden zufügt. Sondern auch über die Kölner Bezirksregierung. Die hat nämlich auf die 61 Fragen der Aachener Politiker zum Risse-Reaktor in Tihange lapidar mitgeteilt, die Fragen seien schon alle beantwortet. Und hat das Schreiben der Aachener sodann in den Papierkorb befördert.

Besonders lustig findet der Aachener Karnevalsverein (AKV) in dieser Session den bayerischen Finanzminister, Markus Söder (CSU). Der hatte, gleich nach den Anschlägen von Paris, die Attentäter (fast alle in Frankreich geboren) mit den Flüchtlingen in Verbindung gebracht. „Paris ändert alles“, meinte der Mann und forderte ein Ende der Willkommenskultur. Söder weiter zur Flüchtlingskrise: „Hier geht es ums deutsche Volk“, und die Flüchtlinge sollten unsere Werte annehmen, also ihre Flüchtlingsheime selbst anzünden oder was?

Söder kann ja sagen was er will, aber wo ist bei diesem elenden CSU-Scharfmacher eigentlich der „Humor im Amt“, für den er in Aachen ausgezeichnet wird? Weniger Humor als Söder haben eigentlich nur die Figuren von der AfD. Müssen wir befürchten, dass als nächstes Frauke Petry (AfD) den Aachener Orden bekommt? Oder die belgische Atomkontrollbehörde FANC?

*

Mit einer spektakulären Aktion hatten jüngst Ärzte im Rat der Stadt Aachen vor einer radioaktiven Wolke gewarnt, die aus Richtung Belgien nur drei Stunden bis Aachen braucht. Tausende Risse und mehrere Störfälle in einem Reaktor in Tihange lassen eine Katastrophe nicht unwahrscheinlich erscheinen.

Die belgische Atomkontrollbehörde FANC gab dieser Tage bekannt: Die umstrittenen Reaktoren Tihange 2 bei Lüttich und Doel 3 bei Antwerpen dürfen wieder ans Netz. Von einem Atomunfall wäre übrigens ganz NRW betroffen.

In den Sitzungen des Bürgerforums vom 16. Juni und 29. September wurde die Bezirksregierung darum gebeten, 61 Fragen zu Tihange und zur Sicherheit der Bevölkerung schriftlich zu beantworten. Wie dann den Zeitungen zu entnehmen war, haben die Kölner mitteilen lassen, an der Sitzung des Bürgerforums nicht teilzunehmen, da die Fragen grundsätzlich bereits beantwortet seien. Alle Politiker im Bürgerforum waren sauer und haben auf Übermittlung der Antworten auf ihre Fragen bestanden. Mal sehen, was jetzt passiert. (Nächste Sitzung des Bürgerforums: Dienstag, 1. Dezember, 17 Uhr, Ratssaal im Rathaus, öffentlich.)

*

Noch mal zum Thema „Flüchtlinge“: Vier Hallen werden am Aachener Westbahnhof errichtet (für 1000 Flüchtlinge), dies geschieht auf Veranlassung der Bezirksregierung in Köln. Es sind Hallen für je 250 Personen – in Leichtbauweise. Ab Februar sollen dort Menschen untergebracht werden, nicht dauerhaft, sondern für eine erste Registrierung, bevor sie in andere Städte und Gemeinden weitergeleitet werden. Errichtet wird demnach ein „Erstaufnahmezentrum“. Zuständig ist nicht die Stadt Aachen, sondern die Landesregierung. Zusätzlich wird es auf dem Gelände Hallen (oder Zelte) für Sanitärbereiche und einen Cateringservice geben.

Im September habe ich mir das Gelände, auf dem sich einmal der Campus West befinden soll, bereits angesehen (s. Foto oben). Es ist wirklich riesengroß, angeblich 320.000 Quadratmeter, und liegt – von Aachens Innenstadt aus gesehen – links von der Süsterfeldstraße, zwischen der Bahnlinie und der Süsterfeldstraße. Von der Kühlwetterstraße aus bin ich auf das Gelände draufgekommen. Dort gibt es noch Hallen von der Spedition Schenker, die sind zu gar nichts mehr zu gebrauchen und werden abgerissen. (Falls ihr einen Zugang habt, könnt ihr hier die Bezahlschranke überwinden, und mehr dazu lesen.)

*

„Von der Bezirksregierung werden der Stadt Aachen aktuell fast 200 Flüchtlinge regulär pro Woche zugewiesen“, teilt das Presseamt mit. Und weiter: Zurzeit werden die Flüchtlinge unter anderem in den Turnhallen Obere Drimbornstraße, Haarbachtalstraße und Königstraße betreut. Viele Flüchtlinge haben daneben in verschiedenen Wohnungen dezentral im Stadtgebiet eine Bleibe gefunden – allein diese Woche konnten auf diese Weise 69 Menschen ein Dach über dem Kopf finden.

Auch die beiden Stubenhäuser in der Körner-Kaserne, in denen Platz für
fast 200 Flüchtlinge in einer Notunterkunft des Landes geschaffen wurde,
stehen inzwischen den der Stadt regulär zugewiesenen Flüchtlingen zur
Verfügung. Die Plätze für die so genannten „Landesflüchtlinge“, die in
aller Regel nur kurze Zeit in Aachen bleiben, wurden in den vergangenen
Tagen auf die Turnhallen Rombachstraße und Peliserkerstraße verteilt. Ab
nächster Woche steht auch die ehemalige Schule Beginenstraße zur
Flüchtlingsunterbringung bereit.

Mit Hochdruck arbeitet die Stadt, eigenen Aussagen zufolge, ebenfalls an der Fertigstellung des ehemaligen Versorgungsamtes in der Turpinstraße, das hoffentlich noch im Dezember Platz für weitere 90 Flüchtlinge bieten kann.

Zusammengefasst: Derzeit werden mehr als 1900 Flüchtlinge in den verschiedenen städtischen Unterkünften betreut. Daneben bietet die Stadt
Aachen insgesamt 1060 Menschen in den neun verschiedenen Noteinrichtungen des Landes eine Unterkunft. Ferner sind rund 672 unbegleitet minderjährige Flüchtlinge in Aachen untergebracht. Insgesamt leben in der Stadt aktuell rund 3650 schutzsuchende Menschen.

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Losglück mit fatalen Folgen

container Aachen

Altkleider-Container in Aachen, am Kronenberg. Die kommen alle weg, ob vom DRK oder von den Maltesern oder sonstwem. Sodann wird für ein Jahr ein Unternehmer aus Hessen neue aufstellen, darin Altkleider sammeln und verkaufen.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) darf zwar die Flüchtlinge mit kostenloser, guter Kleidung versorgen. Es darf aber in Aachen keine Altkleider-Container mehr aufstellen, nur noch auf privatem Gelände Klamotten sammeln.
Das hat jetzt ein Verfahren ergeben, das die Stadtverwaltung gewählt hat, um jemand zu finden, der das Sammeln von Altkleidern in Aachen in Gänze übernimmt.

Das Deutsche Rote Kreuz darf in Aachen auch mit bis zu 60 ehrenamtlichen Helfern beim Reitturnier dabei sein, bei Stadtfesten, Silvesterläufen und sonstigen Großereignissen. Da werden diejenigen gut versorgt, denen im Trubel des Events schlecht wird, die sich den Fuß verstauchen, zu viel Alkohol trinken usw.
Das Geld, um all die Ehrenamtlichen auszubilden, darf sich das DRK aber nicht mehr mit dem großflächigen Sammeln von Altkleidern verdienen. Es werden von den Helfern ja nicht nur Bedürftige kostenlos versorgt, es werden auch Teile der gesammelten Klamotten verkauft (pro Tonne gibt es 300 Euro, Quelle: AN) und in die Ausbildung investiert.

Geld verdienen, sich seine Geldbörse mit dem Handel mit Aachener Altkleidern füllen, das darf hingegen ab 1. Januar ein Unternehmer aus Hessen. Wir gratulieren. :-(((

Die Deutsche Textilrecycling-Werke (DTRW) aus Hessen haben das große Los gezogen. Das kann man wörtlich nehmen, denn wer in Aachen in großem Stil Second-Hand-Klamotten einsammeln darf, das hat jetzt buchstäblich ein Losverfahren entschieden. Und das vielfach ehrenamtlich-aktive DRK ging leer aus. Aus die Maus.

Zur Vorgeschichte: Die Container-Standorte in Aachen und die Container selbst waren in den letzten Jahren oft sehr schmutzig. Es gab auch zu viele unterschiedliche Modelle. Mal war der Platz rund um den Container verdreckt, mal quoll der Container über und die Klamotten hingen nass in der Gegend rum. Mal wurden Container von Spaßvögeln weggeschleppt, mal aufgebrochen oder beschmiert. Da lag es nahe, das Business in die Hände eines Vereins/einer Firma/einer Organisation zu geben. Die sollte dann – vertraglich geregelt – für Ordnung und Sauberkeit zuständig sein und auch 100 neue, blitzsaubere, total gleich aussehende Container in der ganzen Stadt aufstellen.

Rein formal war das Verfahren (man konnte sich bewerben, und unter den Teilnehmern wurde schließlich der Gewinner ausgelost) fair und in Ordnung. Nur hat man im Ergebnis das DRK ausgebootet, das außer dem Altkleider-Business schließlich noch einige mildtätige Aufgaben in der Stadt übernimmt.

Ob das so schlau war, wird hier bezweifelt. Und ob das alles rechtens war, wird womöglich ein Gericht klären müssen. Wir hier bei der uebergangshymne.com wissen jedenfalls, wem wir unsere gut erhaltenen Wintersachen demnächst zukommen lassen werden. Das DRK überlegt, sich auf dem Bendplatz zu positionieren und dort Altkleider zu sammeln. An den bisher üblichen 60 Stellen – verteilt in der Stadt – dürfen die das jedenfalls nicht mehr machen.

*

Anmerkung: Ja, ich weiß auch, dass das DRK nicht immer ganz koscher unterwegs war. So wurde mal gespendetes Blut für viel Geld ins Ausland verkauft. In den letzten Jahren war die Organisation aber sauber, soweit ich sehen kann.

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Ein Stückchen Heimat

Wer etwas Erinnerungsträchtiges, Altes im (Aachener) Stadtbild zerstören will, muss sich dafür rechtfertigen. Das sind immer Menschen, die viel Geld verdienen wollen. Es ist legal, viel Geld verdienen zu wollen, und ich begrüße dieses Ansinnen sogar. Aber ICH stand gestern auf der Straße, nicht weil es um Geld geht, sondern weil ich ein Stückchen Aachen bewahren will.

Der Vertreter des Investors stand da, weil er ganz zu Recht viel Geld verdienen will. Zwischen uns besteht ein Unterschied. Und ich bin es nicht, die sich rechtfertigen muss.

Das wollte ich nur mal grundsätzlich gesagt haben.

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Wer einmal viele Jahre nicht in Aachen war und dann zurückkommt, der merkt es möglicherweise: So ein Art Heimatgefühl macht sich breit. Man erkennt nämlich vieles wieder. Man geht umher und weiß genau: Hier haben wir dies und das gemacht und dort war jenes, und weißt du noch wie wir hier immer . . . . Markante Orte sind noch vorhanden, wenn man Glück hat. Das Theater, Bankgebäude, Kirchen, Kneipen, der Elisenbrunnen, das Rathaus, Wohngebäude, der Hof und andere Plätze und die Parks. Man fühlt sich plötzlich zu Hause, weil man sich auskennt, weil man hier alles kennt.

Wie Städte, Dörfer und Straßen aussehen, das manifestiert sich auch in den Fassaden der Gebäude. Und es kann durchaus sein, dass eine alte Fassade zu einem Ensemble dazu gehört. Wer hier umbaut, zweckentfremdet und beschädigt zerstört möglicherweise ein Stückchen Heimat. Auch – übrigens – wer in einer Straße alte Bäume einfach abholzt, verändert das Aussehen kolossal und zerstört ein Stückchen Heimat.

Glücklicherweise haben die örtlichen Medienvertreter die Brisanz des Themas genau erkannt und dem Erhalt einer alten Kino-Fassade viel Aufmerksamkeit zukommen lassen. Vielen Dank dafür.

*

Ich habe über die Fassade genug geschrieben. Hier die Links zu den verschiedenen Berichten. Die Texte werden erst in einer Woche ohne Bezahlschranke zu lesen sein.

http://www.aachener-zeitung.de/videos/lokales?bctid=4604439838001&bcpid=10373078001&refer=rightboxa&bclid=1978072832001

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/lokalzeit/lokalzeit-aus-aachen/videoabrissdeselysekinossorgtfuerunmut100_size-L.html?

http://www.aachener-zeitung.de/mobile/lokales/aachen/elysee-kino-ein-nostalgiebau-nicht-nur-fuer-cineasten-1.1221306

http://www.aachener-nachrichten.de/lokales/aachen/die-fassade-des-elysee-kinos-hat-ihre-treuen-fans-1.1221572

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Stadtgestaltung von unten

 

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Direkt gegenüber vom Stadttheater in Aachen befindet sich ein altes Kino, dessen Abbruch geplant ist. Dabei ist zu überlegen, ob nicht mindestens die alte Fassade des Elysée unter Denkmalschutz gestellt und somit erhalten werden kann. Am Dienstag, 10. November, um 11 Uhr wollen sich Interessierte gegenüber vom Elysée treffen, um sich zu beraten und auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. 

Das Kino und zwei weitere Gebäude sollen einem Hotelneubau weichen. Die Idee ist, dass das neue Hotel die alte Kino-Fassade samt Schriftzug in einen Teil seiner neuen Fassade integriert. In Aachen gründet sich derzeit eine Initiative, die sich für den Erhalt der Fassade einsetzen wird.

Altbekannte Fassaden sind für die Bewohner einer Stadt mit vielerlei Erinnerungen verknüpft. Filmtheater, Stadttheater – das passt an dieser Stelle zusammen und das gehört zusammen. Häuser, insbesondere die Fassaden, können sich zu Marken und Zeichen entwickeln, sie können einer Straße ein Gesicht geben, zu sprechen beginnen, ein Eigenleben führen. Mit der Zeit wird durch Fassaden Entwicklungsgeschichte in Straßenschluchten eingegraben wie Falten in ein Gesicht. Abrisse wirken manchmal wie Schönheitsfehler und Verletzungen.

Zudem: Nicht nur Investoren, Architekten und Bauingenieure haben bei der Stadtgestaltung ein Wörtchen mitzureden. Auch Bürgerinnen und Bürger dürfen sich einmischen. Die Initiative will ein Beispiel sein für eine neue und leidenschaftliche „Stadtgestaltung von unten“.

Das Elysée am Kapuzinergraben stammt aus den 50er Jahren, auch die Fassade ist schon fast 60 Jahre alt und gehört schon lange zum Straßenbild. Die gerippte Außengestaltung soll eine Welle darstellen.

Der Magisterarbeit von Silke Koschker „Die Kinoentwicklung in Aachen – Eine Untersuchung der Lichtspielhäuser“ aus dem Jahr 2000 ist zu entnehmen:
Das Elysée am Kapuzinergraben 10 wurde am 04. 01. 1954 eröffnet und im Jahre 2000 Jahr geschlossen. Nebenbei: Am Kapuzinergraben 11 war von 1912 bis 1927 ein Kino, das in der Arbeit von Silke Koschker „Union-Lichtspiele“ genannt wird. Am Kapuzinergraben 13 gab es demnach vom 24. 06. 1906 bis 1921 ein „Internationales-Biograph-Theater“.

 

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Aquis Plaza: Die schöne Welt der Waren. Jetzt mit einer kontroversen Diskussion (s. unten)

aquis plaza innen

Es glänzt und glitzert oben, unten, rechts und links im neuen Tempel der Warenwelt.

Jetzt ist es also fertig und eröffnet, das neue Aquis Plaza, das neue Warenhaus in Aachen mit 130 zusätzlichen Läden. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind alle Ladenlokale vermietet. „Zara“ ist gleich mehrfach vertreten. Dafür stehen die alten „Zara“-Räume in der Adalbertstraße jetzt leer (update: Es ist schon wieder neu vermietet, s. Kommentar von Alleswisser Peer).

Soweit zu sehen war, sind sehr viele Aachener begeistert von dem neuen Konsumtempel. Über 60.000 kamen am ersten Tag. Und es ist ja auch ein überwältigendes Warenangebot, aus dem man auswählen kann. Dazu gibt es Speisen und Getränke: Man kann Türkisch/Arabisch essen, es gibt leckere Bio-Burger, süße Speisen und Eisberge türmen sich, man kann Japanisch und Chinesisch essen, reihenweise tolle Säfte trinken usw. Aber man muss schon gute Nerven haben, um die Fülle aushalten zu können.

Außen, entlang der Adalbertstraße, macht das imposante Gebäude einen eher abweisenden Eindruck. Aus Stahl und Glas sind die Außenwände. Das Aquis Plaza könnte so auch in jeder anderen Stadt stehen, es hat nichts speziell „Aachenerisches“ an sich. Wenn man drin ist, gibt es nichts, woran du erkennst, dass du in Aachen bist. Es ist wie ein großes Raumschiff an seinen Platz gestellt worden. Aber Lokal-Bezogenheit ist wohl heute nicht mehr erwünscht. Die Menschen wollen und sollen sich in einer Umgebung aufhalten, die sich nicht von Orten in anderen Städten unterscheidet. Das Gefühl von Heimatlosigkeit wird sich nicht vermeiden lassen.

Das große Center in Düren sieht sehr ähnlich aus. Die ovale Form ist offenbar ein Muss. Und dann die Stahl-Glas-Fassade! Da kann man schon mal auf die Idee kommen, alte Fassaden aus den 50er Jahren sollten doch am besten unter Denkmalschutz gestellt werden (s. ganz unten).

An zwei Stellen kann man das Gebäude betreten, der Rest sieht etwas abweisend aus. Schade, dass man dort die Läden nicht auch nach außen geöffnet hat, nur nach innen.

An zwei Stellen kann man das Gebäude betreten, der Rest sieht etwas abweisend aus. Schade, dass man dort die Läden nicht auch nach außen geöffnet hat, nur nach innen.

Auf der Seite Adalbertstraße.

Auf der Seite Adalbertstraße.

Da entlang zu gehen, ist etwas langweilig.

Da entlang zu gehen, ist natürlich langweilig. Die Läden öffnen sich – bis auf wenige Ausnahmen – nur nach innen.

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Abwechslung im Stadtbild, wer würde sich das nicht wünschen. Deshalb: Helft mit, eine alte Kino-Fassade zu erhalten.

Abwechslung im Stadtbild, wer würde sich das nicht wünschen? Deshalb: Helft mit, eine alte Kino-Fassade zu erhalten (Kommt zum Treffen am Dienstag, 10. November, 11 Uhr, direkt gegenüber vom Elysée auf dem Theater-Vorplatz).

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Hermann Josef Pilgram, Ratspolitiker der Grünen in Aachen, hat auf Facebook auf den oben stehenden Text mit einem längeren eigenen Text reagiert. Alles nicht uninteressant. Mit seiner Erlaubnis bringe ich den Text hier. Pilgram schreibt:

In deinem Artikel schreibst du: „Aber Lokal-Bezogenheit ist wohl heute nicht mehr erwünscht. Die Menschen wollen und sollen sich in einer Umgebung aufhalten, die sich nicht von Orten in anderen Städten unterscheidet. Das Gefühl von Heimatlosigkeit wird sich nicht vermeiden lassen.“ – Dem möchte ich entgegnen, dass es eine ortsbezogene Architektur mit regionaltypischer Material-, Farb- und Formensprache nur noch selten gibt, und wenn, dann eher abseits der Städte, etwa in der Eifel. Die Gründerzeitviertel, die wir als „Heimat“ empfinden, sind in fast ganz Europa verbreitet und unterscheiden sich in ihrer Architektur nicht wirklich.

Gleiches gilt für andere Baustile, deren Wahrnehmung und Wertschätzung sich auch über die Zeiten ändert, z.B. „Bauhaus“, bei den Nazis geächtet, heute wieder hoch geschätzt. Der Bazar hat eine lange Geschichte, und ich behaupte, da gibt es keine großen Unterschiede, ob es der in Tunis ist oder in Istanbul.

Ich möchte auch an die Einkaufspassagen erinnern, die im 19. Jahrhundert ihre erste Blütezeit hatten und dann durch die Warenhäuser abgelöst wurden. Mit Ortsbezogenheit hatte das aber nichts zu tun, Passagen gab und gibt es in Brüssel, in Mailand, in Paris etc. Wenn „lokale“ Geschäfte gemeint sind, so hat der Wandel zu Ketten, die überregional tätig sind, schon vor sehr langer Zeit begonnen. Da macht es wenig Unterschied, ob sie nun hinter- und nebeneinander an einer Einkaufsstraße liegen oder in einem städtischen Einkaufszentrum wie Aquis Plaza.

Letzteres bietet auf jeden Fall mehr Aufenthaltsqualität und ist auch schöner als die notdürftig nach der Kriegszerstörung aufgebauten 1- oder 2-geschossigen Verkaufsstätten, die hier vorher standen und die auch jetzt noch – überwiegend auf der anderen Straßenseite – zu sehen sind. Das waren Häuser, die mit geringstem baulichen und architektonischen Aufwand auf größtmögliche Rendite konzipiert waren.

Wenn das „Heimat“ ist und einem das Gefühl gibt, in Aachen zu sein – Nein Danke.

(Anmerkung der Redaktion: Das Gefettete ist von mir)

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Auf diesen Text habe nun wieder ich reagiert und auf Facebook an Hermann Josef Pilgram folgende Zeilen geschrieben:

Danke für deine ausführliche Mitteilung. Ich gebe zu, dass ich das neue Einkaufszentrum für einen wenig schönen Aufenthaltsort halte und – so oder so – lieber viele kleine und mittlere Läden hätte. Aber das Aquis Plaza ist da, und jetzt müssen wir damit leben.

Mir geht es zur Zeit mehr um das Elysée bzw. um den Erhalt der wellenförmigen Fassade aus den 50er Jahren mitsamt dem markanten Schriftzug am Kapuzinergraben. Dieses Kino war über Jahrzehnte ein wichtiger Ort für meist jüngere Menschen. Man hat sich dort oft gut unterhalten gefühlt, man hat via Film in die Welt hinaus geblickt, sich dort verabredet, und in den 50er Jahren sind die Menschen sogar aus dem Umland zu Fuß dorthin gepilgert, um bestimmte Filme zu sehen.

Die Fassade ist einzigartig und außergewöhnlich in Aachen. Sie erinnert, sofern sie erhalten bleibt, an unsere Eltern und Großeltern, an die Filmkultur vergangener Jahre. Ich denke nicht, dass man leichtfertig auf solche Erinnerungsstücke verzichten sollte. Glasfassaden gibt es doch nun wirklich genug, da darf doch diese kuriose Außengestaltung vielleicht auch bestehen bleiben.

Filmtheater, Stadttheater – das passt an dieser Stelle zusammen und das gehört zusammen. Häuser, insbesondere die Fassaden, können sich zu Marken und Zeichen entwickeln, Gesichter bekommen, zu sprechen beginnen, ein Eigenleben führen. Die Zeiten graben Entwicklungsgeschichte in Straßenschluchten ein wie Falten. Umbauten wirken manchmal wie Schönheitsfehler und Verletzungen.

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Darauf nun wieder Hermann Josef Pilgram:

Eine interessante denkmalgeschützte Kinofassade gibt es in Köln.  – Hier wird gerade an Plänen für künftige Nutzungen gearbeitet. – Sicher ist auch beim Elysée ein Entwurf mit Einbeziehung der Fassade möglich und – da gebe ich dir Recht – damit könnte das Gebäude ein besonderes Gesicht bekommen.

Denkmalschutz ist aber unter Umständen sehr streng, der könnte auch gute und interessante Lösungen verhindern. Gute Architektur kann und soll Geschichte aufgreifen, sie braucht aber auch die Freiheit, die Veränderungen der Gebäude und Nutzungen zu visualiseren. – Was mich allerdings an vielen Diskussionen über Architektur stört, ist die undifferenzierte Negativbewertung von „modernen“ Baustoffen. Sicher ist damit viel Schlechtes realisiert worden.

Die sehr pauschale Ablehung ist aber möglicherweise auch ein spätes Überbleibsel der Ideologie des „Heimatschutzstils“.

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Wichtige Anmerkung: Was „Heimatschutzstil“ ist, kann man hier nachlesen.

 

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Von „Schutzengeln auf zwei Beinen“

Vor wenigen Tagen ist der Aachener Autor Helmut Clahsen gestorben. Clahsen ist durch sein Buch „Mama, was ist ein Judenbalg?“ berühmt geworden. Dieses  Buch schildert ein bedeutendes Stück Aachener Geschichte – so spannend und einfühlsam, wie man es selten zu lesen bekommt.

Helmut Clahsen war das Kind einer jüdischen Mutter. Er hat in Aachen die Naziszeit überlebt, weil ihm und seinem kleinen Bruder viele Menschen geholfen haben, nicht nur in Aachen, sondern auch in der Eifel, besonders in Höfen. Das Buch schildert auch grausame Szenen, aber es lässt einen nicht verzweifeln. Im Gegenteil: Es gibt offenbar selbst in Zeiten, in denen sich die Barbarei hemmungslos ausbreitet, viele gute Menschen, die nicht aufhören, Gutes zu tun und anderen beizustehen.

Dr. Herbert Ruland hat einen Nachruf verfasst, den wir hier veröffentlichen dürfen. Vielen Dank.

 

Zum Tod von Helmut Clahsen 1931 – 2015

Von Dr. Herbert Ruland

Es war zu Beginn der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Ich wohnte damals in Eynatten und ging mir öfters ein Feierabendbierchen bei „Klara“ im fußläufig erreichbaren legendären „Sportcafé“ trinken. Eines Abends stand eine größere Gruppe Männer an der Theke, von denen mir etliche bekannt waren. Es waren Mitglieder des Männergesangvereins St. Cäcilia, die sich hier nach der Chorprobe noch eine Entspannung gönnten. Ich kam schließlich mit einem großen Mann mittleren Alters ins Gespräch, der mir bis dahin noch vollständig unbekannt war. Er erzählte mir mit deutlicher Sprachfärbung, dass er aus Aachen stamme, und dass er den Belgiern – wie er sich ausdrückte – auf ewig zum Dank verpflichtet sei.

Ihnen sei es zu verdanken gewesen, dass er und sein jüngerer Bruder „Heini“ die NS-Zeit überlebt hätten. Obwohl selbst mit Religion wenig am Hut, hatte er sich auch aus Dankbarkeit heraus dem katholischen Männergesangsverein hier auf der belgischen Seite angeschlossen. Und aus eben diesem Gefühl heraus hatten seine Kinder auch die Primarschule in Raeren besucht.

Er erzählte mir dann einige Details aus seiner Familiengeschichte. Seine Mutter stammte aus einer weitverzweigten jüdischen Familie und war ihm und seinen Geschwistern kurz vor dem Krieg von den Nazis weggenommen worden.
Mit der Unterstützung zahlreicher, meist selbstloser Helfer kamen die beiden Jungs bis zur Befreiung durch die Amerikaner im Herbst 1944 in unzähligen Verstecken unter – Helmut sprach später einmal von über 40 verschiedenen Orten. Auf Helmut, selbst noch ein Kind, kam dabei auch noch die schwere Aufgabe zu, seinen jüngeren Bruder zu beaufsichtigen. Dieser hatte durch sein aufsässiges und aggressives Verhalten die Beiden mehrfach in Gefahr gebracht aufzufliegen und den Nazi-Schergen in die Hände zu fallen.

1943 waren die Brüder in das damals von Deutschland annektierte belgische Dorf Gemmenich gebracht worden. Nachdem sie die erste Nacht in einer Bäckerei, hinter Mehlsäcken versteckt, verbracht hatten, kamen sie am nächsten Tag in das Kloster Völkerich. Unter den zahlreichen hier untergebrachten

Clahsen Aachen

Wer Aachen und die Region in der Zeit des Nationalsozialismus verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei: Helmut Clahsen, „Mama, was ist ein Judenbalg?“, Helios Verlag, 2003.
Foto: Johannes Meier

Knaben befanden sich nicht nur jüdische, sondern auch andere von den Nazis verfolgte Kinder, sogenannte „Asoziale“ oder Behinderte im Jargon der Zeit als „lebensunwertes Leben“ bezeichnet. War Gefahr im Verzug, wurde etwa eine Razzia befürchtet, kamen die besonders gefährdeten Kinder bei vertrauenswürdigen Personen in der Nachbarschaft unter.

Ich weiß noch heute, wie nahe mir der kurze Einblick in die Lebensgeschichte dieses mir bis dahin gänzlich unbekannten Mannes ging.
Damals beschäftigte ich mich bereits beruflich aber auch privat mit der Zeitgeschichte des Grenzlandes. Auch die 1919/20 belgisch gewordenen Kreise Eupen und Malmedy waren in den dreißiger Jahren keine Insel der Glückseeligkeit. Die NS-Bewegung firmierte hier unter der Bezeichnung „Heimattreue Front“ und hatte damals in Eupener Stadtrat die absolute Mehrheit der Sitze. Nach der Pogromnacht 1938 war auch auf den Schaufenstern eines jüdischen Geschäfts in Eupen „Juda verrecke“ zu lesen gewesen . . .

Dieser Teil der eigenen Geschichte war damals hier noch von zahlreichen Tabus umgeben und wurde weitestgehend verdrängt. Viele Akteure lebten noch: Lieber als von der NS-Zeit, sprach man über die Nachkriegszeit, über das vermeintliche Unrecht, das die belgischen Sieger damals der hiesigen Bevölkerung angetan hätten. Da wurden wohl Ursache und Wirkung etwas durcheinander gebracht!
Hier stand mir also jetzt jemand gegenüber, der diese unfassbare Zeit hier im Grenzland nicht nur miterlebt, sondern glücklicherweise – bei vielen „Schutzengeln auf zwei Beinen“ – wie er es mir gegenüber später einmal ausdrückte – überlebt hatte.

Für mich stand fest: Die Geschichte gehörte an die Öffentlichkeit, sie musste publiziert und der Mann als Zeitzeuge in die Schulen gehen. Ich fragte meinen Thekenpartner, ob er denn seine Biographie schon zu Papier gebracht habe. Ja, er hatte sich schon einmal daran gemacht: Er, der erst nach dem Krieg, durch den engagierten Einsatz seines Lehrherrn, eines Konditormeisters, richtig schreiben und lesen gelernt hatte. Das Werk sei aber, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, gestohlen worden. Ich ermunterte den Mann, es auf ein Neues zu versuchen . . .

Viele Jahre später war ich auf einer gut besuchten Veranstaltung im „Welthaus“ in Aachen. Helmut Clahsen las aus seinem autobiographischen Manuskript „Mama, was ist ein Judenbalg?“. Er hatte den Text bereits – wie Sauerbier – zahlreichen Verlagen ohne Erfolg vorgelegt: Einmal hieß es sogar, er solle es mal bei einem Kinderbuchverlag versuchen!
Dabei hatte Helmut Clahsen damals schon schriftstellerisches Talent bewiesen. Er hatte ein Buch veröffentlicht, in dem er beschreibt, wie seine Frau die Folgen eines Schlaganfalls erfolgreich in den Griff bekommen hatte. Dieses Werk gehört heute zur Fachliteratur und wird an Schlaganfallpatienten in der Rehabilitation verteilt.

Es sollte sich als Glücksfall für alle herausstellen, dass auf der Veranstaltung im „Welthaus“ ein regionaler Verleger, vielleicht auf Talentsuche, anwesend war. Ihm war wohl ziemlich schnell klar, welches Potential in dem hier vorgetragenen Material steckte. Das Manuskript wurde leicht überarbeitet, vor allem erheblich gekürzt und erschien dann unter dem oben bereits zitierten Titel. Das Buch entwickelte sich zu einem auch überregionalen „Bestseller“. Zahlreiche weitere Werke von Helmut Clahsen folgten . . .

Ein Lebensanliegen von Helmut Clahsen war es, an Schulen aus seinem Leben zu berichten, nicht nur auf beiden Seiten der deutsch-belgischen Grenze, sondern auch an weiter entfernten Orten. Im Frühsommer hat er noch an der Universität Antwerpen vor 1300(!) Zuhörern gelesen.
Helmut war einer der wenigen Zeitzeugen, den man auch unbedenklich zu ganz jungen Schülern schicken konnte. Er hatte die wirklich höchst seltene Gabe, diesen Kindern etwas zu vermitteln ohne dass auch nur das geringste Gefühl von Angst aufkam.

Seit dem ersten Treffen bei „Klara“ habe ich viele unvergessliche Stunden mit Helmut und meist auch mit seiner lieben Frau Lilo erlebt. Wir waren zusammen in Berlin, haben gemeinsam zahlreiche Veranstaltungen im In- und Ausland bestritten.
Besonders gerne denke ich auch an das Projekt an der Schule „Notre Dame“ in Moresnet-Chappelle 2005 zurück. Unter der Mitwirkung von Helmut Clahsen suchten die Schüler nach Nachfahren von Menschen, die in dieser Region 1943/44 gefährdete Kinder wie Clahsen und seinen Bruder versteckt hatten. Die Nachfahren wurden am 6. Mai, zwei Tage vor dem sechzigsten Jahrestag der Befreiung der Länder und der Lager vom Faschismus, in der Schule auf einer beeindruckenden Feier ausgezeichnet.

2012 hat GrenzGeschichteDG einen biographischen Film über Helmut Clahsen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt.

Helmut ist am Freitag, 24. Oktober, um 11 Uhr von uns gegangen. Erst vor wenigen Wochen war bei ihm ein unheilbares Lungenkarzinom festgestellt worden. Nach dem ersten ungeheuerlichen Schock hatten er und seine Familie diesen Tatbestand akzeptiert. Dank der hervorragenden Betreuung durch ‚Homecare‘, einer gemeinnützigen privaten Palliativpflegeeinrichtung in Aachen, konnte er die verbleibenden Tage und Wochen im Kreis seiner Familie – und zahlreichen Besuchs – zu Hause verbringen.
Wir waren noch letzten Sonntag bei ihm. Er war in guter und fast ausgelassener Stimmung. Er erzählte Anekdötchen und gab uns dann noch eine private Lesung von skurrilen, wohl noch nicht veröffentlichten Kurzgeschichten: so die Geschichte vom Hund Susi, der die Zähne wie Max Schmeling fletschen konnte.

Die Lücke, die Helmut hinterlässt, kann nicht geschlossen werden. Viele Menschen, Jung und Alt, von Nah und Fern werden sich gerne an ihn erinnern. Mit ihm verlässt einer der letzten Zeitzeugen die Bühne, die noch über den Holocaust und die anderen Nazi-Verbrechen, aber auch über zahlreiche oft unbekannte Helfer und Retter in dunkler Zeit berichten konnten.

Zum Verlust dieses wunderbaren Menschen gilt unsere Anteilnahme der Familie, insbesondere seiner Frau Lilo und den Kindern.

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Wer Helmut Clahsen noch einmal im Film sehen will, kann die Dokumentation: Helmut Clahsen. “Von Schutzengeln auf zwei Beinen und Verrätern in der eigenen Familie“ – Ein jüdisches Kind überlebt den NS-Terror“ kostenlos –so lange der Vorrat reicht – bei GrenzGeschichteDG bestellen. Weitere Infos hier:

borst.gabi@ahs-dg.be
www.grenzgeschichte.eu
www.ahs-dg.be

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Ärzte auf Visite im Rathaus: Die Lage ist ernst.

Aachener Ärzte der Gruppe "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW) ernten im Raus vor den Gefahren, die von dem Risse-Reaktor im nahen Tihange ausgehen.

Aachener Ärzte der Gruppe „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW) warnten im Rathaus vor den Gefahren, die von dem Risse-Reaktor im nahen Tihange ausgehen.

Das war ein starker Auftritt anlässlich der Bürgerfragestunde im Rat der Stadt Aachen. Zwölf Ärzte (aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen) machten gestern auf eine Gefahr aufmerksam, die die Menschen in der hiesigen Region bedroht. Der Risse-Reaktor im belgischen Tihange hatte die Mediziner ins Rathaus getrieben.

Schon mehrfach waren die belgischen Atomreaktoren Gegenstand von Beratungen der Kommunalpolitiker. Ganz Blöde sagen einfach: Das ist Belgien, da hat der Aachener Rat keinen Einfluss drauf, da kann man nichts machen. Andere wissen, dass im vereinten Europa längst eine andere Denkweise Einzug gehalten hat und man füreinander verantwortlich ist. Auch Verbrechen, die jenseits der Grenze geschehen, müssen wir in der EU nicht dulden. Wir müssen uns dazu äußern und aktiv werden.

 Schon 2012 wurden in den Reaktordruckbehältern der Atomkraftwerke Tihange
Ärzte bei ihrem "Hausbesuch" im Rathaus. Wenn Mediziner aktiv werden, muss die Lage wirklich ernst sein.

Ärzte bei ihrem „Hausbesuch“ im Rathaus. Wenn Mediziner aktiv werden, muss die Lage wirklich ernst sein.

2 (und Doel 3), nur 60 Kilometer von Aachen entfernt, viele Risse  entdeckt. Seitdem werden es immer mehr und die Risse werden auch immer länger. Das ist gefährlich, denn der Reaktordruckbehälter ist das Herz jeden Reaktors, in dem die atomare Kettenreaktionen bei etwa 325 Grad Celsius unter Druck abläuft. Der Druck entspricht  einer Kraft, als ob das Gewicht von vier ICE 3 Zügen auf jedem Quadratmeter Fläche des Druckbehälters lastet.

Ende März diesen Jahres wurden endlich Zahlen zu den Messungen der Bruchstabilität veröffentlicht. Es gab „unerwartete Ergebnisse“, und der Reaktor wurde sofort runtergefahren.

Die Ärzte traten im Rathaus in ihren weißen Kitteln auf, was seine Wirkung nicht verfehlte. Sie verteilten Jodtabletten, denn bisher hat sich der Rat geweigert, darüber nachzudenken, ob es vielleicht Sinn macht, dass alle Aachener Haushalte diese Tabletten vorhalten. Außerdem informierten die Doktoren mittels Flyer über die Gefahr, die uns hier in Aachen bedroht. Drei von ihnen wandten sich in der Bürgerfragestunde an den Oberbürgermeister (OB) und an den Rat.

Sie wollten wissen: Ob sich der OB in seinen regelmäßigen Gesprächen mit den Belgiern für die endgültige Stilllegung des Risse-Reaktors aussprechen werde? Ob zur Sicherheit der Bevölkerung nicht endlich mal Jodtabletten (schützen im Fall einer Katastrophe vor Schilddrüsenkrebs) ausgegeben werden? Warum die vom Bundesamt für Strahlenschutz geforderten Katastrophenschutzübungen im Raum Aachen noch nie stattgefunden hätten?

Oberbürgermeister Marcel Philipp antwortete ausweichend, stellte aber klar, dass er auf einer Linie mit der Bundesregierung ist und einen europaweiten Ausstieg aus der Atomenergie befürwortet. In der Bürgerfragestunde ergriff auch Caroline Reinartz das Wort und machte auf ihre bekannt volkstümliche Art klar, dass jetzt aber mal ganz hurtig Jodtabletten verteilt und andere Maßnahmen ergriffen werden müssen. Sie und die Mediziner erhielten viel Applaus, auch von einzelnen Mitgliedern des Rates.

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Mehr Infos auf einer leider nicht besonders liebevoll gepflegte Seite im WWW
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