Wahlentscheidung aus dem Bauch heraus

Heute habe ich mir das neue Video von Alvar Freude angeschaut. Dort wird einem vorgeführt, wie tausende Stuttgarter und andere sich freuen, weil es in Baden-Württemberg den Regierungswechsel gegeben hat. Die Aufnahmen sind, und das darf man glauben, entstanden, als am Wahlabend die ersten Hochrechnungen bekannt gegeben wurden. Und danach, bis es dunkel wird. Zu sehen ist ein Freudenfest, ein wenig wie Karneval im Rheinland. Menschen machen auf der Straße Krach, tanzen, singen und freuen sich ganz doll. Also für Schwaben schon doll, finde ich. Welch ein Jubel. Auch außergewöhnlich: gemeinsam öffentlich die Wahlergebnisse zu schauen. “Wann gab es das schon?”, twitterte Alvar Freude.
Jetzt haben die einen grünen Ministerpräsidenten. Vor 18 Monaten, 2009, bei der Bundestagswahl, da haben die mit großer Mehrheit CDU und FDP gewählt. Da waren die mit der Politik der Konservativen zufrieden. Die Grünen landeten schlapp auf Platz vier. Und nur 18 Monate später, das ist der Hammer, sind die mit der Politik der Konservativen so unzufrieden, dass die Rot/Grün mehrheitlich ihre Stimme geben. Was bedeutet das?
In den 18 Monaten hat sich kein bisschen die Politik der Konservativen geändert. Die Kandidaten von CDU/FDP wurden im September 2009 gewählt und haben bis zum Wahltag ihre Richtung kein bisschen geändert. Was aber hat sich geändert? Nun, es sind die Bilder im Fernsehen, die sich geändert haben. Weil die Wähler im TV die Katastrophe von Japan gesehen haben, täglich, haben sie sich bei der Wahl mehrheitlich umentschieden. Das ist ein Wechsel des Abstimmungsverhaltens aus dem Bauch heraus. Nicht aufgrund rationaler Überlegungen, sondern aus Emotionalität.
Dass Leute so wählen, kann einem Angst machen. Sie vergessen, was fünf Jahre lang war, sehen ein paar grauenhafte Bilder im Fernsehen und schwupps, wählen sie eine Partei (die Grünen), die 18 Monate zuvor noch an vierter Stelle lag, hinter der FDP.
Natürlich haben viele auch der CDU den Rücken gekehrt, weil sie es satt haben, Irrsinns-Projekte wie Stuttgart 21 aufgebrummt zu bekommen. Aber ich bin sicher: Hätte es den Tzunami nicht gegeben, hätten wird jetzt immer noch eine schwarz/gelbe  Mehrheit im Landtag von Baden-Württemberg.
Wem der grüne Ministerpräsident also seinen neuen Job verdankt, das dürfte damit klar sein.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Tanz geometrischer Formen

Heute, da in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen Wahlen sind, ist auch der Geburtstag eines bedeutenden Aacheners: Ludwig Mies, der sich später Ludwig Mies van der Rohe nannte. Das macht man in Aachen gern, dass man seinen Namen selbst verändert oder gleich ganz neu wählt.

Heute, da die radioaktive Strahlung am Unglücksreaktor in Japan millionenfach höher ist als normal, lenke ich mich mal ein bisschen ab und denke an den berühmten Architekten Mies van der Rohe, der in vielen, vielen Städten mit seinen Bauten vertreten ist, nur nicht in Aachen. Er war den Aachenern auch in den 60er und 70er Jahren noch zu modern. Den großen Sohn der Stadt einladen, hier etwas zu bauen? Ach nö, lieber nicht. So konservativ sind die Aachener (heute vielleicht nicht mehr).

Heute vor 125 Jahren wurde er geboren. Er wuchs an der Vaalser Straße zwischen Maurern und Steinmetzen auf, sein Vater hatte einen Steinmetzbetrieb. Mit 19 ging er von Aachen nach Berlin und lernte dort Bruno Paul kennen.
1938 musste er in die USA auswandern, weil die Nazis seine transparenten Bauten und seine Theorien hassten. Aber: Ich habe den Verdacht, dass Ludwig Mies van der Rohe damals sowieso nichts dagegen hatte, in die USA zu reisen. Dort konnte er seine Architektur sofort weiterentwickeln, was er auch tat, und war bald ein gefragter Mann, ein Star in der Architektur-Szene. Dass er sich so schnell akklimatisiert hatte und auch sonst gegen die Nazis, soweit ich zumindest weiß, nicht aktiv wurde, scheint mir (vorsichtig gesagt) darauf hinzuweisen, dass er dort nicht unfreiwillig war.
Es kann auch sein, dass die Aachener ihn nach dem Krieg nicht zum Bauen in die alte Kaiserstadt eingeladen haben, WEIL er 1938 auswanderte. Das müsste alles untersucht werden oder ist schon untersucht worden, aber ich weiß davon nichts.
Mies van der Rohe liebte die Einfachheit, die man nicht mit dem Simplen verwechseln darf. Einfachheit liebte er, wegen der Klarheit. Nicht Stuck und Beton bevorzugte er, sondern Stahl und Glas. Und er prägte den Slogan “less is more”. Das ist sehr wahr: Weniger ist definitiv mehr. Es kann aber auch sein, dass jemand in seinem Umkreis diese griffige Formel erfand. Es zeigt, dass es immer nützlich ist, wenn man seine noch so komplizierten Theorien in einen Slogan packen kann. Das muss wohl sein.
Mies ging es wie allen: Dinge werden im Kopf klarer und klarer und dann spricht man das eines Tages aus als eine Theorie. Das sagte er so ähnlich auch mal.
Jedenfalls setzte er beim Bauen dem überbordenden Zierrat, den historistischen und historisierenden Formen die klaren Linien durch. Flache Dächer, große Fenster, Bauten, bei denen das Wichtigste das Gerüst aus Stahl war. Die ganze Konstruktion eines Gebäudes wurde sichtbar, sie wurde nicht mehr versteckt und kaschiert. Und man konnte erkennen: Konstruktion kann schön sein. Mies war ein Architekt, der die Schönheit zum Vorschein brachte. Von mir wird er sehr verehrt und bewundert.
1928 baute er zur Weltausstellung den deutschen Pavillon in Barcelona. Und wenn ich in Kürze nach Berlin reise, werde ich mir dort auch ein prominentes Gebäude von Mies anschauen. Das habe ich bis jetzt noch nicht gemacht, aus Angst vor meiner eigenen gigantischen Begeisterung. In Krefeld und New York habe ich aber schon Bauten von Mies gesehen.
In seine Bauten passten auch die alten Möbel nicht wirklich rein. So erfand er für den Barcelona-Pavillon den Barcelona-Sessel. Ein Sessel, atemberaubend schön weil komplett einfach. Heute noch zu kaufen, aber sehr teuer.

Mies van der Rohe, Architektur wird Kunst. Eine Kunst, der es auf Schönheit ankommt.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

„Es gibt einen neuen Krieg“

Ich wache in der Nacht auf, mache das Radio an und der Sprecher sagt: „Es gibt einen neuen Krieg.“
Ja klar, denke ich, es ist der 19. März. Auch der Irak-Krieg hat an einem 19. März angefangen.

Erst umarmen Berlusconi und Sarkozy den Diktator, dann greifen sie ihn an. Das sieht gerade nicht besonders gut aus.

Aber: Hätte Gaddafi sein eigenes Volk nicht bombardiert, hätten sie beiden Staatschefs ihn weiter umarmt. Es gab wohl eine moralische Verpflichtung. Obwohl: Gerade bei diesen beiden von Moral zu sprechen, das ist paradox.

Klar ist, dass Gaddafi die Demonstranten jeden einzelnen samt Familie und Stamm grausam ermordet hätte.
Gaddafi sucht jetzt Verbündete im Namen des Islam und redet vom zweiten Kreuzzug. Dabei gab es vor 700 Jahren zwei Kreuzzüge, er müsste also eigentlich vom dritten Kreuzzug reden.
Also rettet die Demonstranten vor Gaddafis Rache! Das ist das Gebot der Stunde. Wenn man von seinem eigenen Staatschef angegriffen wird, ist man auf Hilfe von außen angewiesen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Reaktorunfall

Seit über einer Woche: traurig wegen dem Reaktorunfall in Japan. Dort werden tausende Menschen Gendefekte davontragen, genauso wie ihre Kinder, ihre Enkel und die Urenkeln noch betroffen sein werden. Das Elend fängt jetzt erst richtig an.

Und soweit ich weiß, ist kein einziger Reaktor sicher, wenn in Deutschland mal zufällig ein Flugzeug auf so ein Höllenteil drauffällt. Wohl gibt es viele, die sagen, so ein Unfall wäre ja sooo unwahrscheinlich. Und die werden danach auch sagen: „Das hat man wirklich nicht vorhersehen können“ oder ähnlichen Blödsinn.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Münster stoppt Düsseldorfer Schuldenmacher

Diese Woche Dienstag war ein guter Tag. Da haben mutige Richter in Münster den Schuldenhaushalt von Rot/Grün in Nordrhein-Westenfalen für null und nichtig erklärt. Ja, mehr: Sie haben erklärt, dass es ein Haushalt ist, mit dem gegen  die Verfassung verstoßen wird.

Das war aber auch mal nötig. Um dem Kurzfristigkeits-Denken ein Ende zu bereiten, mussten Richter den Politikern das Heft aus der Hand nehmen. Schade, dass das nötig ist. Gut, dass es geschehen ist.

Wir können künftigen Generationen auf zwei Arten so richtig einen reinwürgen: Indem wir, erstens, uns was leisten und Schulden machen, bis wir nicht mehr gucken können. Und, zweitens, indem wir die Umwelt versauen, dass es nur so kracht. Also jede Menge Atommüll produzieren, das Klima tüchtig erwärmen und den Regenwald abholzen. Die in 100 Jahren geboren werden, können sich nicht wehren.

Mir geht es hier um die Schulden. Mit den Wohltaten auf Pump kann sich jeder, der gewählt werden will, einen Riesenvorteil verschaffen vor dem, der sagt, ich  bin sparsam und mache eine Politik, die finanziell in dem Rahmen bleibt, der ohne neue Schulden vorhanden ist. Der Seriöse wird nicht gewählt. Es wird der gewählt, der viel verspricht und das hält, auch wenn alles auf Kredit finanziert wird. Das ist ungerecht. Und dieses Treiben haben die Richter diese Woche gestoppt.

Es wäre gut, wenn jemand die Interessen derjenigen vertreten würde, die in den nächsten 100 Jahren geboren werden. Die künftigen Menschen können heute noch nicht wählen, sie können nicht demonstrieren. Sie sind ja noch nicht geboren. Es sollte Obleute im Parlament geben mit Veto-Recht, die die Anwälte der künftigen Generationen sind.

In den Gemeindeverwaltungen machen die das so: Die Gemeinderäte  dürfen sich selbst den Dispo erhöhen. Traumhaft, nicht wahr? Du hast kein Geld mehr? Du erhöhst dir selbst den Dispo. Und das tun die Gemeinderäte tatsächlich wieder und wieder. Das heißt: Die können in die Kasse greifen nach Belieben. Das nenne ich nicht seriöses Wirtschaften.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Was ist denn hier Zensur?

“Ich bin ein Gegner von Zensur”, teilt mir ein begnadeter Blogger mit, der das Zeug zum Spiegel-Redakteur hat. Ja, ja. Ist ja gut. Wir sind doch alle gegen Zensur. 😉
Aber muss man sich deshalb seinen schönen Blog so zumüllen lassen? Da kotzen die allerletzten Spacken die hinterletzten Vorurteile aus. Was ist daran schön?  Nichts. Und vor allem: Was hat das mit Zensur zu tun?  Schwere Beleidigungen und Schläge unter die Gürtellinie machen doch nur, dass jeder denkt: Also mit der Pressefreiheit kann man es wirklich auch übertreiben.
Im Ernst: Ein gewisser minimaler Anstand sollte vorhanden sein wenn jemand für eine Öffentlichkeit schreibt. Und wenn der nicht vorhanden ist, dann sollte man eingreifen. Ein Blog ist doch kein im Netz reservierter Platz, wo jeder dahergelaufene Unterbelichtete den größten Blödsinn hinterlassen kann.
Aber okay. “Ich bin ein Gegner von Zensur.” lol. Meine Theorie ist, dass  von 1000 Menschen immer einer voll durchgeknallt ist und ziemlich böse. Böse ist, wer sich freut, wenn andere verletzt werden und leiden. Das Böse ist als Thema in der Philosophie, Soziologie und Politik schwer vernachlässig, nebenbei gesagt.
Wer also 20.000 Follower hat oder Leser oder wie auch immer…… Wer 20.000 Menschen erreicht, der hat es automatisch mit 20 von diesen Bösen zu tun. Mit Menschen, denen es Vergnügen bereitet, wenn andere leiden. Und da erhebt sich die Frage: Wie schaffe ich es, dass die mir nicht an den Hacken hängen?

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wer schweigt zum Monsterplagiat?

Noch ein paar (letzte) Gedanken zum Monsterplagiat bzw Fragen zur Causa Guttenberg. Was sagt eigentlich Bildungsministerin Annette Schavan zum Skandal an der Uni Bayreuth? Sie ist doch selbst Wissenschaftlerin und müsste als Fachministerin ihr Ressort schützen und verteidigen. Und was sagt der Staatsminister im Wissenschaftsministerium Thomas Rachel? Bis heute: NICHTS, und das immer lauter.
Und wo ist eigentlich dieser Professor, der Doktorvater von zu Guttenberg, der die Note Summa vergeben hat, der hat sich wie die Ministerin bisher mit keinem Wort geäußert. Und wann kommt endlich der Ghostwriter mal aus der Deckung, wo doch schon etliche Journalisten in Berlin flüstern, sie seien ihm angeblich hart auf der Spur?
Für mich ist auch die Frage absolut nicht geklärt, warum zu Guttenberg unbedingt den Doktortitel haben wollte. Wenn man in Deutschland von Adel ist, hat man sowieso gewonnen. Es ist nun mal so. Da braucht man kein zweites Staatsexamen und auch keinen akademischen Titel, echt nicht. Warum also wollte er ihn unbedingt?
Diese Titel sind auch dazu da, sich vom übrigen Volk abzusetzen. Klar zu machen: Ich bin was Besonderes, ich bin was Besseres als ihr Normalos. Ja, das ist so. Bildung als Vehikel für Karriere und um hochnäsig über andere hinwegzusehen. Der Titel ist eigentlich nichts wert. Ich habe schon viele Menschen getroffen, mit Doktortitel, die waren so richtig volldoof. Aber so richtig. Man dachte sich immer: Dass der mal eine so anspruchsvolle Arbeit abgegeben hat, unglaublich.
“Bildung für alle” bedeutet etwas ganz anderes.
Dennoch: Wirklich schaden tut das Plagiieren der Wissenschaft nicht. Wirkliche Wissenschaft schafft Wissen, sonst nichts. Neues Wissen zu erschaffen, was vorher nicht existiert hat, das ist schön, übrigens. Der Plagiator wiederholt nur das Wissen, was schon existiert. Und er verbreitet das Wissen, was schon existiert. Damit schadet er der Wissenschaft nicht, er baut eine kleine Verzögerung, mehr nicht. Das neue Wissen ist das interessante Wissen.
Wenn der gegelte Adelige nicht zurücktritt, dann wird es in den Schulen ein bisschen schwerer zu erklären, warum man nicht bescheißen darf. Warten wir’s ab.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Die Türen in Düren

In dem Rathaus, in dem ich gelegentlich sitze und notiere, was die Kommunalpolitiker dort diskutieren und entscheiden, ist der große Saal nur zugänglich durch eine ziemlich schwere und hohe Tür. Ich bleibe manchmal nicht bis zum Schluss der Sitzung, sondern bis alle  Punkte, die ich wichtig finde, abgehandelt wurden. Dann steh ich also auf, raff meinen Pullover, meinen Wintermantel, meinen Stift und den Block, mein iPhone und meinen Rucksack zusammen und versuche, so unauffällig wie möglich die Örtlichkeit zu verlassen.
Man möchte ja schließlich durch so einen Aufbruch nicht die ganze Versammlung aus dem Konzept bringen. Zu über 30 Personen in einer geordneten Abfolge komplizierte Sachen zu diskutieren und abzustimmen, das geht nicht ohne Konzentration. Da darf nicht alle Nase lang einer raus-  und wieder reinrennen.
Ich steh dann also vor der Türe  – mit meinen Sachen um mir und an mir – und dann kommt’s: Ich kann mir ums Verrecken nicht merken, ob die große schwere Türe nach außen oder nach innen aufgeht. Ich zerre dann also oder wenn ich gerade denke, sie geht nach außen auf, dann drücke ich mit aller Riesenkraft gegen die Türe. Wobei mir schon das erste Teil hinfällt.
Jeder wird aufmerksam und Verschiedene rufen: “ziehen, ziehen“. Der Bürgermeister als Vorsitzender sagt zum Nächstsitzenden: “Helfen Sie ihr doch mal!”  Und ich habe die Augen aller Anwesenden im Rücken. Und den Ehrgeiz, es allein zu schaffen. Na toll.

Besser geht es im Gericht, wo ich immer mehrere schwere Türen stemmen muss, um an meinen Platz zu gelangen. Aber  da gib es einen Kollegen, der vor mir herwetzt und eifrig alle Portale aufstößt. Alle. Jut wa?

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Den Doktor machen nur Bildungsbürger

Es ist echt was los auf der Welt und auch in Aachen. Hier hat gestern Karl Theodor zu Guttenzwerg – vertreten durch seinen Bruder Philipp – den Orden „Wider den tierischen Ernst“ verliehen bekommen. Das ist ein Karnevalsorden, der höchste der Republik, wie man so sagt. Und die Laudatio hat ein Dr. Rüttgers gehalten, der Vorjahres-Ordensträger und NRW-Ex-Ministerpräsident. Es muss alles sehr schrecklich gewesen sein.

Die Ordensritter waren ja schon immer echte Langweiler, aber diesmal hat man wirklich voll ins Klo gegriffen. Peinlich, weil man außerhalb Aachens immer darauf angesprochen wird, etwa im Urlaub: “Aachen? Aachen? Ist das nicht die Stadt, wo jedes Jahr diese langweilige Ordensverleihung stattfindet?”

Ja, damit müssen wir Aachener leben.

Aber wie sich das Bildungsbürgertum über diese Plagiate aufregt, das ist auch schön zu beobachten. Den Adeligen und Superreichen und den Prolls geht der Fall am Arsch vorbei. Aber das Bildungsbürgertum, das hängt quer unter der Decke. Weil ja die Bildung und die damit eventuell verbundenen Zertifikate das einzige sind, was sie haben. Keine Fabriken, keine Latifundien, keine Gold und Silberschätze, keine Millionen und Milliarden auf den Konten und keine dicken Aktienpakete. Nur die Bildung, die haben sie allerdings, und legen auch Wert darauf, dass die als Kapital anerkannt wird.

Und wenn jemand diese Titel mal so einfach in den Dreck zieht und sich nicht gleich verschämt in eine Ecke stellt, wenn er des Abschreibens überführt wird, dann ist der Bildungsbürger sauer.

Warum dieser millionenschwere Adelige überhaupt den Dr. vor seinem Namen haben wollte, ist mir ein Rätsel. Freiherr, Baron, Fürst und ich weiß nicht was, das reicht denen doch normalerweise. Das ist jetzt nicht hämisch gemeint, man lese mal von Pierre Bourdieu das Werk “Die feinen Unterschiede”. Da steht genau drin, welche kulturellen Vorlieben und Praktiken welche Bevölkerungsgruppen haben. Auch wenn die Kultur in Frankreich einen höheren Stellenwert hat, sind doch die Strukturen der Distinktion bei uns ähnlich. Insofern hat zu Guttenberg mit seiner Doktorarbeit, sei sie nun gekauft oder selbst irgendwie zusammengestellt, schon einen Schritt in ein Areal gemacht, in das er gar nicht hineingehört und das er lieber nicht betreten sollte. Er ist konsequent da gescheitert, wo der Bildungsbürger zuhause ist.

So siehts aus, im Moment.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Tipps für die PP-Pressearbeit

Ist der Redakteur der Feind des Piraten? Was will der Lokalredakteur von mir? Wie kommen wir in die Zeitung rein?

Vortrag von @feuertinte, Redakteurin in einer Lokalredaktion, beim Piraten-Presse-Treffen in Berlin

WER mit Meldungen in eine Lokalzeitung will, um über diese Zeitung Menschen mit einer Botschaft zu erreichen, muss wissen, mit wem er es zu tun hat: mit Redakteuren.

Die sind meist über 40 Jahre alt, nicht im Netz zuhause, sie sind Geisteswissenschaftler (nicht Mathe, Physik, E-Technik oder Informatik studiert), von Entlassungswellen bedroht, hochdotiert (70 000 Euro pro Jahr brutto) und mit einer Keule ausgestattet, die sie auf Kulturschaffende und Politiker niedersausen lassen können, indem sie „vernichtend“ kritisieren.

WAS der Redakteur will, ist: die Höhe der Auflage halten (die Auflagen aller Lokalzeitungen sinken). Er will junge Leser gewinnen, er will frische Herangehensweisen für alte Themen finden, möglichst klar formulierte Presse-Mitteilungen (PM) erhalten. Neue, angesagte Themen genannt bekommen. Er will nicht als “blöder Tot-Holz-Medien-Mensch“ ausgelacht werden. Redakteure sind nicht selten über alle Maßen eitle Menschen, die gern ihre Kollegen mit einer guten Geschichte und mit Kontakten zu interessanten Leuten beindrucken wollen. Helft ihnen dabei, piratige Themen sind alle, wenn sie nicht zu kompliziert sind, angesagte Themen. Verhelft dem Redakteur zu einer etwas ungewöhnlichen Geschichte (s. Aachen: Kamera-Überwachung/Sicherheit im Puff.   s. BaWü: Wahlprogramm als Hörbuch) und er bringt euch groß in die Zeitung (ja, ich weiß, Win-Win-Situation.). Die Piratenpartei gilt immer noch klar als interessante Erscheinung auf dem Feld der deutschen Politik.

WAS der Pirat leisten sollte/muss: Sich beim Redakteur mal persönlich vorstellen, EINE Telefonnummer hinterlassen nicht zehn, peppige leicht verständliche Texte liefern ohne Bandwurmsätze (Humor ist erlaubt, krawallig sollte die PM aber nicht sein), seine Sichtweise eines Problems in der Stadt/Gemeinde als PM darlegen. Der Pirat sollte den Kumpel finden, der kommunikativ ist und dann dem die Pressearbeit anvertrauen. Für PMs sind Leute, die ein Blog haben, geeignet (Affinität zum Schreiben vorhanden).

WIE die Pressearbeit aussieht: Sie sollte solide und regelmäßig stattfinden. PMs zu aktuellen Vorgängen auch mal schnell raushauen. Kein Shitstorm, wenn einer mal was falsch macht. Daraus lernen. Eine PM wird nicht basisdemokratisch verfasst. Was raushauen ist besser, als gar nichts machen. Wenn es brennend wichtig ist, in der Redaktion anrufen und die PM ankündigen „Von uns kommt heute nachmittag was zu . . . neue Überwchungs-Kameras in Bussen usw. usw.) Fehler „versenden“ sich, nur man selbst denkt nach vier Wochen noch daran, sonst keiner. Habt Mut. Piraten sollten die Lokalzeitung, in die sie reinwollen, lesen, zumindest samstags, zumindest im Netz. In der Redaktion nur mit Klarnamen auftreten, mit Screennamen können Redakteure nichts anfangen.

WANN wartet die Redaktion auf eure PM? IMMER in den Ferien (Saure-Gurken-Zeit nutzen), also jetzt in den kommenden Osterferien. Setzt euch schon mal zusammen und schreibt etwas zu einem Kernthema der Piraten. Wenn ihr in eurer Lokalzeitung noch nie drin wart, fangt mal mit der Ankündigung eures Stammtisches an. Teilt mit: Wer (Piraten von xy), wann (Tag, Monat, Uhrzeit), wo (Kneipe, Straße, Hausnummer), macht was (Stammtuisch) und warum ihr euch trefft. Und dass Gäste willkommen sind.

Piratige Themen in deiner Stadt/Gemeinde: Wie klappt es mit dem neuen E-Perso? Gibt es ultralange Wartezeiten? Was ist aus Google Street View geworden? Google-Auto ist ja wieder unterwegs. Lassen sich die Sitzungen des kommunalen Parlaments streemen, warum nicht? Wo müssen wir mehr Transparenz fordern? (In allen kommunalen Parlamenten gibt es Ecken, wo intransparent gemauschelt wird, glaubt es mir.) In welchen Kneipen gibt es Kameras? Wird dort aufgezeichnet, wann gelöscht? Gibt es für die Volkszählung genug Zähler, was bekommen die pro Besuch? Hat jedes Kind in den weiterführenden Schulen einen PC? Was tut ihr, um die Piraten andernorts bei ihrem Wahlkampf zu unterstützen. Teilt das der Redaktion eurer Zeitung mit. . . . . ;-))) Die warten darauf, dass ihr ihnen was zuschickt.

Eine für die Tageszeitung fertiggestellte PM könnt ihr natürlich auch gleich dem lokalen Radio/TV und allen anderen örtlichen Medien zuschicken, auch den Werbeblättchen, die kostenlos in jeden Haushalt kommen. Sammelt euch die Mailadressen der Redaktionen und Redakteure. Und: Sammelt die veröffentlichten Meldungen in einer Mappe, das muss sein.

Mich kann man bei twitter unter @feuertinte erreichen und gern alles fragen.

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar