Wir brauchen Augen und Ohren in Berlin

In Berlin gibt es bestimmt Heerscharen von Journalisten. Aber einer fehlt (mir): der Piratenpartei-Berlin-Journalist. Das wäre jemand, der dezidiert und professionell aus Piraten-Perspektive über die Themen berichtet, die in der Bundespolitik auf der Tagesordnung stehen und die einen Piraten interessieren.
Hier wird jetzt die Idee von einem Projekt entwickelt, das es so bestimmt noch nicht gegeben hat. Aber ich stelle mir vor, dass 100 Piraten jeden Monat 20 Euro geben, um ein Jahr lang (als Experiment, das verlängert werden kann) einen Arbeitsplatz zu finanzieren. Den Arbeitsplatz von einem Journalisten/Reporter/Redakteur, dem ich als Pirat vertrauen kann. Und der sich in Berlin in der Polit-Szene gezielt auf die Suche nach Vorgängen macht, die mich als Pirat interessieren. Und der auch (mit Presseausweis ausgestattet) an den Ereignissen teilnimmt, von denen die Piraten gern wüssten, wie sie genau abgelaufen sind.
Man kann sich viele Termine vorstellen, nicht nur bestimmte Sitzungen des Innenausschusses, Treffen der Enquete-Kommission und Demonstrationen. Derjenige müsste unbedingt auch ein guter, professioneller Schreiber sein. Der wirklich schnell auf den Punkt kommt. Er müsste tatsächlich arbeiten wie ein Profi: Sauber berichten, was passiert ist, was entschieden wurde, was wieder nicht entschieden wurde usw. Scheinbar Nebensächliches, das doch symbolisch ist für eine gewisse Haltung, erkennen. Er müsste Zusammenhänge sehen und am besten Mitglied der PP sein oder mit dieser heftig sympathisieren. Mit einfachen Worten komplizierte Sachen erklären können, an der richtigen Stelle ruhig mal polemisch werden. Ein Gespür haben für die Themen der “Netzgemeinde”. ………..
Jetzt könnte man sagen: Es gibt doch schon genug Journalisten, die aus Berlin berichten. Ja. Aber es ist immer noch so, dass ich mir die News, die mich wirklich interessieren, mühsam zusammensuchen muss. Wenn ich überhaupt etwas finde (über die Enquete-Kommission, die zuletzt zwei Stunden tagte, fand ich keinen Bericht. Auch wenn es langweilig war und nichts beschlossen wurde, wüsste ich doch gern, mit was man sich denn nun befasst hat und in welcher Atmosphäre).
Ich stelle mir vor, dass der PP-Reporter sich eine einfache Seite baut und jeden, der es lesen will, auf dem Laufenden hält. Wenn 2000 Euro (weniger auf keinen Fall) zusammenkommen, müsste man wahrscheinlich einen Verein gründen. Dazu braucht man sieben Personen. Die würden den Vorstand bilden, der den PP-Reporter aussucht und ihm dann (es ist ja ein Experiment) für ein Jahr freie Hand lässt. Man müsste also 100 Personen finden, die zusagen, dass sie ein Jahr lang jeden Monat 20 Euro zur Verfügung stellen. Lieber wäre mir, man müsste keinen Verein gründen. Und wie es mit Sozialabgaben und Einkommensteuer aussieht, weiß ich auch nicht.
Jetzt würde ich am besten die Thermenpalette beschreiben. Aber vorher noch: Wie stelle ich mir den Leser vor?
Der Leser hat keine Zeit, stundenlang Veranstaltungen, die gestreemt werden, anzuschauen. Er hat keine Zeit, die weitschweifigen, unprofessionell geschrieben Texte in den Blogs zu lesen. Er möchte seine Spezialthemen mundgerecht serviert bekommen und nicht selbst die Auswahl übernehmen, weil er dazu keine Zeit hat, weil er selbst schon 50 Stunden die Woche arbeitet, weil Berlin so weit weg ist und so weiter und so weiter.
Die Themen hier werden noch ergänzt: Datenbrief, Flughafensicherheit, Elena-Datenbank, anlasslose Speicherung von Telekommunikation, Enquete-Kommission, Netzneutralität, Netzpolitik überhaupt und Post-Privacy-Debatte, e-perso, staatl. Alimentierung von Presseverlagen. Wie verkauft sich eigentlich das neue Buch von Kurz/Rieger? Querbeet einfach alles an harten und weichen Themen, was zu den Piraten-Kernthemen gehört.
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Bei der re:publica

Was schrecklich startete, wurde am Ende doch noch gut: die re:publica in Berlin.
Der Eröffnungsvortrag in einem großen Theaterssaal wurde gut besucht, aber schlecht vorgetragen. Es ging um “Design Thinking”, und der Redner hatte keine Freude am Sprechen vor einem so großen Publikum, nur Stress. Dann wollte ich zu etwas mit “Open Government“, aber drei Säle waren so voll, dass ich nichts sehen, nichts hören konnte und frustriert abzog.
Wenn das so weitergeht . . . Aber so gegen 15 Uhr geriet ich zufällig in den Vortrag von Jürgen Ertelt, dessen Tweets mir immer wieder positiv auffallen. Und der Vortrag war gut. Ertelt sprach zur Medienkompetenz. Neues gab es nicht, aber man erhielt eine gute Zusammenfassung, einen Überbick, zum Thema. Und ich dachte, na ja.
“Blogs in Deutschland” wurden behandelt, wo mir klar wurde, dass die Blogger sich viel zu sehr an den Printmedien orientieren. Und Tim Pritlove sprach spannend über “Podcasts und Radio als Werkzeuge der Öffentlichkeit”. Doch diesen und die anderen Vorträge besuchte ich nur, weil sie in sehr großen Sälen stattfanden und ich nicht eingequetscht stehen musste.
Und klar: Sascha Lobos Vortrag über “jüngste Erkenntnisse der Trollforschung” war am Anfang sehr gut. Er meinte, er wird ständig vom Fernsehen angerufen für Interviews und Talkshows, nicht weil er so gut ist, sondern weil wir anderen netzaffinen Leute so blöd sind und uns dämlich anstellen, dass wir nie angerufen werden. Das meinte er ernst und beschimpfte das Publikum auf’s Feinste.
Dieses war der erste Tag, es folgten noch zwei weitere. Das absolut Allerbeste: Günter Dueck, “Das Internet als Gesellschaftssystem”. Alle Vorträge gibt es auch bei youtube.
Es war auch schön, die Leute, denen man im Netz hinterherläuft, mal lebendig vor sich zu sehen. Philipp Banse zum Beispiel und Mario Sixtus, Markus Beckedahl und Jakob Augstein (ein Bild seines Vaters hängt in meinem Arbeitszimmer). Constanze Kurz stellte, zahm und unkritisch befragt, ihr neues, umstrittenes Buch vor. Und Alvar Freude und seine Freunde berichteten tolle Geschichten vom Widerstand gegen Stuttgart 21. Lorenz Lorenz-Meyer (auch nur aufgesucht, weil da noch Platz war), war eine Offenbarung. Nie werde ich vergessen, wie er schilderte, wie sich die Menschen in China gegen die staatliche Kontrolle wehren und sich informieren.
Also, ich nenne hier nur die Vorträge, die ich besucht habe. Eingeschlagen wie eine Bombe hatte ein neu gegründeter Verein “Digitale Gesellschaft”, von dem aber noch nicht klar ist, wer dahintersteckt außer Markus Beckedahl und was die wollen und ob sich dahinter nicht Grüne verbergen. Falk Lüke macht wohl mit und hatte nichts Besseres zu tun, als auf Kritik am Verein (wegen Intransparenz und Arroganz) eine fiese, wirklich fiese Beleidigung gegen Jörg Tauss vom Stapel zu lassen. Sehr unsympathisch. Sehr. Insofern warte ich jetzt mal auf weitere Aktivitäten dieser Digiges, bisher war es noch nicht so überzeugend.
Gewohnt habe ich in Mitte in einem sehr guten Viertel in einer viel zu kleinen Wohnung. Demnächst werde ich wieder in Wedding wohnen. Dort ist es zwar nicht vornehm, aber die Wohnungen, die man für eine Woche mieten kann, sind viel preiswerter und größer.
Bevor es überhaupt losging mit der re:publica konnte ich noch an einer tollen Führung durch den Reichtag mit Jörg Tauss und vier anderen teilnehmen. Ich habe viele Fotos gemacht und werde die bald mal auf Flickr hochladen.
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Wahlkampf ist Kampf, das muss man merken

Wenn man Interviews liest, die Piraten den Journalisten geben, dann fällt immer wieder auf: Es finden sich in den Piraten-Antworten viele Allgemeinplätze und Phrasen. Sachen, die sowieso schon jeder weiß. Langweilige Beschreibungen von Selbstverständlichkeiten. Dabei will der Leser vom Pirat immer nur wissen: Was kannst du für mich tun? Warum soll ich dich wählen?

Typisches Beispiel: “Wir müssen es hinkriegen, die politisch interessierten und aktiven Menschen in XY auf unsere Seite zu ziehen”, sagt der Pirat. Ja, ich meine, das ist doch selbstverständlich, so was braucht man doch nicht noch mal zu sagen. Lieber gleich (zum Beispiel) sagen: Wir werden den Menschen erklären, wie sie heimlich von ihrem Arbeitgeber überwacht werden.
Peng, ein Schlag, der Leser reibt sich die Augen. Wie denn, wo denn? Der Leser ist betroffen und interessiert, liest weiter.

Noch ein Beispiel: “Parteien bestimmen unser Leben, unser politisches System ist auf Parteien ausgerichtet. Sie bestimmen unser Handeln und die Voraussetzungen, in denen wir leben” usw. blablabla. Warum erzählt der Pirat mir, was Parteien sind, verdammt?
Piraten fangen immer an, so selbstverständliche Sachen zu erklären. Seipenbusch erklärte mal lang und breit bei einer Diskussion auf Phönix, dass Google ein amerikanisches Unternehmen ist. (Es ging um Streetview).

Piraten müssen konkret sein, direkt sein, wenn es darum geht, wie man Wähler gewinnen will. Und darum geht es immer bei den ganzen Fragen vor Wahlen. Beispielsweise sagen: Musik, die man sich runterlädt, muss legal und kostenlos sein. Senioren, die ins Netz wollen, sollen kostenlose Kurse bekommen, und zwar alle.

Noch ein Beispiel für Laberlaberlaber gähn: “Ich halte es gerade für die Bürger, die ein konkretes Anliegen haben, für sinnvoll zu gucken, wo es Schnittstellen mit der Piratenpartei gibt”, sagt der Pirat. Zapperlot, ich soll nach Schnittstellen gucken? Völliges Wischiwaschi. Sag mir doch, Pirat, was du für mich tun kannst? Vielleicht interessiere ich mich dann für dich. Sag: Wir sorgen dafür, dass auch in ländlichen Gebieten schnelles Internet hin kommt. Aber erzähl mir nicht, dass ich Schnitte und Stellen suchen soll.

Nächstes Beispiel für Blabla: “Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Parteienlandschaft ist das Thema Transparenz und zwar auf allen Ebenen, sowohl organisatorisch als auch im politischen Forderungskatalog”, sagt der Pirat. Was für’n Merkmal im Katalog? Sag doch lieber gleich: Bei uns können alle Mitglieder den Parteivorsitzenden mitwählen. Wir kungeln nicht, alles ist im Netz zu sehen.

Kurze Sätze, die wie Hiebe sind, die bleiben hängen, die fesseln das Interesse. Konkret sagen: Beim Wassertisch wird gekungelt, das wollen wir alles an die Öffentlichkeit zerren.

Weiteres Beispiel: ”Den grünen Höhenflug müssen wir sicherlich ernst nehmen.” Muss man das denn nun sagen? Ist das nicht sowieso klar? Wenn man nach der politischen Konkurrenz gefragt wird, muss man gleich die Mängel der Konkurrenten beschreiben, und gerne auch ein bisschen krass. Damit der Leser es auch mitbekommt, wenn er/sie die Zeitung noch halb schlafend am Frühstückstisch liest.

Weitere Beispiele: Bei der FDP “wird auch viel 1:1 bei den Piraten abgeguckt, das finden wir immer wieder”, sagt der Pirat. Dann lieber gleich einen Punkt nennen, den die FDP abgekupfert hat, wenn man schon nach der FDP gefragt wird. Druff, druff, auf sie mit Gebrüll. Nicht so zaghaft.

So, wie einige Piraten jetzt den Beckedahl in die Pfanne hauen, so lieber im Wahlkampf auf die anderen Parteien draufhauen. Es heißt nicht umsonst WahlKAMPF. Die haben uns doch lange genug geärgert mit ihrem Widerwillen, sich mit dem Internet zu beschäftigen.

Auch so schwurbelige Formulierungen wie diese sollte man vermeiden: “Wir müssen es schaffen, über unsere Themen ein Thema zu werden – und darüber wiederum Themen zu setzen.” Häää? Denkt der Leser. Dann nenn mir doch mal EIN Thema. Weiter geht es mit “…Themen über Twitter nach außen kommunizieren….”. Wie kann man nur so reden?
Die Piraten wollen doch eine treibende Kraft sein. Aber treibende Kräfte reden anders.
Wie gesagt: Das ist alles nur beispielhaft, auch die Interviews im NRW-Wahlkampf waren mehr Krampf als Kampf. Wirklich. Ich denke mit Schrecken daran.

Aber es muss auch gesagt werden, dass Piraten neu sind auf der politischen Bühne. Sooo schnell wird man nicht zum knackigen Interviewpartner, wo das Interview auch mal von online in die Printausgabe wandert. Ich möchte meine Kritik konstruktiv verstanden wissen. Nutzt jede Gelegenheit, mit der Presse zu sprechen. Aus Fehlern können wir nur alle lernen.

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Ungeordnete Gedanken zur Privatsphäre

Bei einem Ausflug nach Köln ging es gestern in eine elegante Einkaufspassage. Da hatte ich mehrmals das Gefühl: Hier werde ich gerade mittels Kamera beobachtet, hier werde ich gescannt.
Es war ein Donnerstag Nachmittag, kaum Kundinnen unterwegs und auch nur vereinzelt Verkäuferinnen. Die Verkäuferinnen hatten uns nicht im Auge. Irgendjemand anderer/anderes hatte uns aber sicher im Auge, denn mit so teuren Waren wird man heutzutage keine Sekunde mehr allein gelassen.

 

Zwei sind es, die uns beobachten: der Staat mit seinem Zensus und die Privatwirtschaft, die das zu kommerziellen Zwecken tut. Was beide wollen, sind Daten, der Rohstoff unserer Zeit. Der Staat soll uns nun einerseits schützen vor der Daten-Gier der Privatwirtschaft (mit regulierenden Gesetzen). Gleichzeitig fürchten wir die Daten-Gier des Staates. Der Staat als Heilsbringer, der die Privatwirtschaft im Zaum hält und ihr die Grenzen ihres Treibens aufzeigt. Und der Staat, der selber Daten erhebt, und das nicht zu knapp. Und der aufgrund dieser Daten, aufgrund der staatlichen Ausleuchtung meiner Privatsphäre dann eventuell zu dem Ergebnis kommt, dass ich ein gefährlicher/psychisch kranker Mensch bin, den man festsetzen muss.

 

Datenschutz und Privatsphäre. Wenn man alles, was ich seit vier Jahren twittere, was ich seit kurzem auf facebook einstelle, von wo ich wie oft telefoniere und sms schicke usw. nimmt, dann kann man sicher ermitteln, was für ein Mensch ich bin. Man kann meine Verhaltensweisen ablesen und auswerten. Unternehmen verknüpfen alles miteinander und sprechen mich als Konsumentin sehr effektiv an.

 

Das Netz ist öffentlicher Raum, so wie der normale öffentliche Raum auch. Wie auf der Straße und in den Kaufhäusern will ich im Netz anonym unterwegs sein. Ich möchte im Netz nicht mit einem Namensschildchen rumlaufen. Das tue ich ja im normalem Leben auch nicht. Ich verlange, dass ich mich im Netz anonym bewegen kann.

 

Eine idiotische Utopie ist, wenn jeder alles von allen weiß. Eine Gesellschaft, in der es keine Geheimnisse mehr gibt, ist totalitär. Das ist Honecker 2.0 und nicht etwa eine ideale Gesellschaft. Andererseits kann es der Anfang einer Revolution sein, wenn Menschen plötzlich das, was sie aus Scham geheim gehalten haben, sagen.

 

Die von Priestern Missbrauchten haben erst kürzlich den Mut gefunden. Es haben sich viele hundert Menschen offenbart, und man konnte endlich ein anderes Gesicht der Priesterschaft, insbesondere der katholischen Kirche sehen. Das war eine Art Revolution, die noch nicht abgeschlossen ist. “Ich bin als Kind missbraucht worden” oder “Ich habe abgetrieben”: Wenn derartige Infos massenhaft der Privatheit entrissen werden, ändert sich die Welt.

 

Wie weit soll die Offenheit gehen? Das wissen wir heute noch nicht. Menschen, die gegen ihren Willen als einsam, homosexuell, pervers, pleite oder was auch immer geoutet werden, darf es nicht geben.

Anderseits wollen wir, dass Wissen aus dem Hochschulbereich frei floatet.  Jeder soll es haben können, der Staat soll sich da total zurücknehmen. Man erhofft sich gesamtgesellschaftlich einen Wissensschub, wenn endlich alles, was z.B. an den Hochschulen erforscht wurde und wird, frei zur Verfügung steht.

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Literatur im Jahr der Katastrophe

“Unerwartet kam ein Anruf aus Osaka. Das ist die südlichste Stadt in Japan. Ein alter Bekannter, den ich seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr gesehen habe, fragte, ob ich ihm einen Gefallen tun kann.
Zwei Mädchen, mit ihm verwandt, wollten nach München fliegen. Ob ich die abholen und zu einem sicheren und nicht sehr teuren Hotel bringen kann. Ich sagte “klar”, und ich sagte nicht, dass ich gerade in Nizza bin.
Diese Mädchen kamen sehr ängstlich in München an. Als Erkennungszeichen, hatte ich gesagt, habe ich eine rote Krawatte an. Die Mädchen habe ich nach dem Einchecken ins Hotel noch zu einem Münchener Ratskeller gebracht. Sie aßen Fisch, ich bestellte für mich aus Jux, damit sie lachen, eine Haxe vom Ochsen und aß das demonstrativ mit dem größten Appetit . . .  Und erzählte ihnen, dass jeder Deutsche pro Woche drei Ochsenhaxen isst und an den restlichen Tagen Schweinshaxe.
Ich fragte mit keinem Wort, wie es mit dem Atomreaktor ist . . .  Und sie sagten davon auch kein Wort.

Als ich sie zum Hotel brachte, lachten sie.

Meine Aufgabe ist erledigt.”

(Eine wahre Geschichte, Literatur im Jahr 2011, im Jahr der Katastrophe.)

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Wahlentscheidung aus dem Bauch heraus

Heute habe ich mir das neue Video von Alvar Freude angeschaut. Dort wird einem vorgeführt, wie tausende Stuttgarter und andere sich freuen, weil es in Baden-Württemberg den Regierungswechsel gegeben hat. Die Aufnahmen sind, und das darf man glauben, entstanden, als am Wahlabend die ersten Hochrechnungen bekannt gegeben wurden. Und danach, bis es dunkel wird. Zu sehen ist ein Freudenfest, ein wenig wie Karneval im Rheinland. Menschen machen auf der Straße Krach, tanzen, singen und freuen sich ganz doll. Also für Schwaben schon doll, finde ich. Welch ein Jubel. Auch außergewöhnlich: gemeinsam öffentlich die Wahlergebnisse zu schauen. “Wann gab es das schon?”, twitterte Alvar Freude.
Jetzt haben die einen grünen Ministerpräsidenten. Vor 18 Monaten, 2009, bei der Bundestagswahl, da haben die mit großer Mehrheit CDU und FDP gewählt. Da waren die mit der Politik der Konservativen zufrieden. Die Grünen landeten schlapp auf Platz vier. Und nur 18 Monate später, das ist der Hammer, sind die mit der Politik der Konservativen so unzufrieden, dass die Rot/Grün mehrheitlich ihre Stimme geben. Was bedeutet das?
In den 18 Monaten hat sich kein bisschen die Politik der Konservativen geändert. Die Kandidaten von CDU/FDP wurden im September 2009 gewählt und haben bis zum Wahltag ihre Richtung kein bisschen geändert. Was aber hat sich geändert? Nun, es sind die Bilder im Fernsehen, die sich geändert haben. Weil die Wähler im TV die Katastrophe von Japan gesehen haben, täglich, haben sie sich bei der Wahl mehrheitlich umentschieden. Das ist ein Wechsel des Abstimmungsverhaltens aus dem Bauch heraus. Nicht aufgrund rationaler Überlegungen, sondern aus Emotionalität.
Dass Leute so wählen, kann einem Angst machen. Sie vergessen, was fünf Jahre lang war, sehen ein paar grauenhafte Bilder im Fernsehen und schwupps, wählen sie eine Partei (die Grünen), die 18 Monate zuvor noch an vierter Stelle lag, hinter der FDP.
Natürlich haben viele auch der CDU den Rücken gekehrt, weil sie es satt haben, Irrsinns-Projekte wie Stuttgart 21 aufgebrummt zu bekommen. Aber ich bin sicher: Hätte es den Tzunami nicht gegeben, hätten wird jetzt immer noch eine schwarz/gelbe  Mehrheit im Landtag von Baden-Württemberg.
Wem der grüne Ministerpräsident also seinen neuen Job verdankt, das dürfte damit klar sein.

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Tanz geometrischer Formen

Heute, da in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen Wahlen sind, ist auch der Geburtstag eines bedeutenden Aacheners: Ludwig Mies, der sich später Ludwig Mies van der Rohe nannte. Das macht man in Aachen gern, dass man seinen Namen selbst verändert oder gleich ganz neu wählt.

Heute, da die radioaktive Strahlung am Unglücksreaktor in Japan millionenfach höher ist als normal, lenke ich mich mal ein bisschen ab und denke an den berühmten Architekten Mies van der Rohe, der in vielen, vielen Städten mit seinen Bauten vertreten ist, nur nicht in Aachen. Er war den Aachenern auch in den 60er und 70er Jahren noch zu modern. Den großen Sohn der Stadt einladen, hier etwas zu bauen? Ach nö, lieber nicht. So konservativ sind die Aachener (heute vielleicht nicht mehr).

Heute vor 125 Jahren wurde er geboren. Er wuchs an der Vaalser Straße zwischen Maurern und Steinmetzen auf, sein Vater hatte einen Steinmetzbetrieb. Mit 19 ging er von Aachen nach Berlin und lernte dort Bruno Paul kennen.
1938 musste er in die USA auswandern, weil die Nazis seine transparenten Bauten und seine Theorien hassten. Aber: Ich habe den Verdacht, dass Ludwig Mies van der Rohe damals sowieso nichts dagegen hatte, in die USA zu reisen. Dort konnte er seine Architektur sofort weiterentwickeln, was er auch tat, und war bald ein gefragter Mann, ein Star in der Architektur-Szene. Dass er sich so schnell akklimatisiert hatte und auch sonst gegen die Nazis, soweit ich zumindest weiß, nicht aktiv wurde, scheint mir (vorsichtig gesagt) darauf hinzuweisen, dass er dort nicht unfreiwillig war.
Es kann auch sein, dass die Aachener ihn nach dem Krieg nicht zum Bauen in die alte Kaiserstadt eingeladen haben, WEIL er 1938 auswanderte. Das müsste alles untersucht werden oder ist schon untersucht worden, aber ich weiß davon nichts.
Mies van der Rohe liebte die Einfachheit, die man nicht mit dem Simplen verwechseln darf. Einfachheit liebte er, wegen der Klarheit. Nicht Stuck und Beton bevorzugte er, sondern Stahl und Glas. Und er prägte den Slogan “less is more”. Das ist sehr wahr: Weniger ist definitiv mehr. Es kann aber auch sein, dass jemand in seinem Umkreis diese griffige Formel erfand. Es zeigt, dass es immer nützlich ist, wenn man seine noch so komplizierten Theorien in einen Slogan packen kann. Das muss wohl sein.
Mies ging es wie allen: Dinge werden im Kopf klarer und klarer und dann spricht man das eines Tages aus als eine Theorie. Das sagte er so ähnlich auch mal.
Jedenfalls setzte er beim Bauen dem überbordenden Zierrat, den historistischen und historisierenden Formen die klaren Linien durch. Flache Dächer, große Fenster, Bauten, bei denen das Wichtigste das Gerüst aus Stahl war. Die ganze Konstruktion eines Gebäudes wurde sichtbar, sie wurde nicht mehr versteckt und kaschiert. Und man konnte erkennen: Konstruktion kann schön sein. Mies war ein Architekt, der die Schönheit zum Vorschein brachte. Von mir wird er sehr verehrt und bewundert.
1928 baute er zur Weltausstellung den deutschen Pavillon in Barcelona. Und wenn ich in Kürze nach Berlin reise, werde ich mir dort auch ein prominentes Gebäude von Mies anschauen. Das habe ich bis jetzt noch nicht gemacht, aus Angst vor meiner eigenen gigantischen Begeisterung. In Krefeld und New York habe ich aber schon Bauten von Mies gesehen.
In seine Bauten passten auch die alten Möbel nicht wirklich rein. So erfand er für den Barcelona-Pavillon den Barcelona-Sessel. Ein Sessel, atemberaubend schön weil komplett einfach. Heute noch zu kaufen, aber sehr teuer.

Mies van der Rohe, Architektur wird Kunst. Eine Kunst, der es auf Schönheit ankommt.

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„Es gibt einen neuen Krieg“

Ich wache in der Nacht auf, mache das Radio an und der Sprecher sagt: „Es gibt einen neuen Krieg.“
Ja klar, denke ich, es ist der 19. März. Auch der Irak-Krieg hat an einem 19. März angefangen.

Erst umarmen Berlusconi und Sarkozy den Diktator, dann greifen sie ihn an. Das sieht gerade nicht besonders gut aus.

Aber: Hätte Gaddafi sein eigenes Volk nicht bombardiert, hätten sie beiden Staatschefs ihn weiter umarmt. Es gab wohl eine moralische Verpflichtung. Obwohl: Gerade bei diesen beiden von Moral zu sprechen, das ist paradox.

Klar ist, dass Gaddafi die Demonstranten jeden einzelnen samt Familie und Stamm grausam ermordet hätte.
Gaddafi sucht jetzt Verbündete im Namen des Islam und redet vom zweiten Kreuzzug. Dabei gab es vor 700 Jahren zwei Kreuzzüge, er müsste also eigentlich vom dritten Kreuzzug reden.
Also rettet die Demonstranten vor Gaddafis Rache! Das ist das Gebot der Stunde. Wenn man von seinem eigenen Staatschef angegriffen wird, ist man auf Hilfe von außen angewiesen.

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Reaktorunfall

Seit über einer Woche: traurig wegen dem Reaktorunfall in Japan. Dort werden tausende Menschen Gendefekte davontragen, genauso wie ihre Kinder, ihre Enkel und die Urenkeln noch betroffen sein werden. Das Elend fängt jetzt erst richtig an.

Und soweit ich weiß, ist kein einziger Reaktor sicher, wenn in Deutschland mal zufällig ein Flugzeug auf so ein Höllenteil drauffällt. Wohl gibt es viele, die sagen, so ein Unfall wäre ja sooo unwahrscheinlich. Und die werden danach auch sagen: „Das hat man wirklich nicht vorhersehen können“ oder ähnlichen Blödsinn.

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Münster stoppt Düsseldorfer Schuldenmacher

Diese Woche Dienstag war ein guter Tag. Da haben mutige Richter in Münster den Schuldenhaushalt von Rot/Grün in Nordrhein-Westenfalen für null und nichtig erklärt. Ja, mehr: Sie haben erklärt, dass es ein Haushalt ist, mit dem gegen  die Verfassung verstoßen wird.

Das war aber auch mal nötig. Um dem Kurzfristigkeits-Denken ein Ende zu bereiten, mussten Richter den Politikern das Heft aus der Hand nehmen. Schade, dass das nötig ist. Gut, dass es geschehen ist.

Wir können künftigen Generationen auf zwei Arten so richtig einen reinwürgen: Indem wir, erstens, uns was leisten und Schulden machen, bis wir nicht mehr gucken können. Und, zweitens, indem wir die Umwelt versauen, dass es nur so kracht. Also jede Menge Atommüll produzieren, das Klima tüchtig erwärmen und den Regenwald abholzen. Die in 100 Jahren geboren werden, können sich nicht wehren.

Mir geht es hier um die Schulden. Mit den Wohltaten auf Pump kann sich jeder, der gewählt werden will, einen Riesenvorteil verschaffen vor dem, der sagt, ich  bin sparsam und mache eine Politik, die finanziell in dem Rahmen bleibt, der ohne neue Schulden vorhanden ist. Der Seriöse wird nicht gewählt. Es wird der gewählt, der viel verspricht und das hält, auch wenn alles auf Kredit finanziert wird. Das ist ungerecht. Und dieses Treiben haben die Richter diese Woche gestoppt.

Es wäre gut, wenn jemand die Interessen derjenigen vertreten würde, die in den nächsten 100 Jahren geboren werden. Die künftigen Menschen können heute noch nicht wählen, sie können nicht demonstrieren. Sie sind ja noch nicht geboren. Es sollte Obleute im Parlament geben mit Veto-Recht, die die Anwälte der künftigen Generationen sind.

In den Gemeindeverwaltungen machen die das so: Die Gemeinderäte  dürfen sich selbst den Dispo erhöhen. Traumhaft, nicht wahr? Du hast kein Geld mehr? Du erhöhst dir selbst den Dispo. Und das tun die Gemeinderäte tatsächlich wieder und wieder. Das heißt: Die können in die Kasse greifen nach Belieben. Das nenne ich nicht seriöses Wirtschaften.

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