Der Anzug, die Uniform der Leistungsträger

Was nun die Damen- und Herrenmode betrifft, so habe ich es bei allen größeren öffentlichen Ereignissen immer so erlebt, dass die Herren alle (also wirklich ALLE) in dunklen Anzügen erschienen, die sehr ähnlich aussahen. Auch bei der Arbeit in Firmen, Banken und Rathäusern habe ich reihenweise Männer gesehen, die alle gleich angezogen waren: Anzug, Anzug, Anzug. Wie man sonst nur Zwillinge gleich anzieht.

Der Anzug ist in England erfunden worden und hat seinen Siegeszug über die ganze Erde angetreten. Männer tragen ihn auf der ganzen Welt, besonders aber in Europa und Nordamerika. Manche Männer haben fünf oder sehr Anzüge in ihrem Schrank. Die sehen sich sehr ähnlich.

Ein Anzug ist eine Hose in einer dunklen, gedeckten Farbe, Jacke in derselben Farbe, zu dem man ein weißes Hemd, oder mal ein hellblaues Hemd, trägt. Sehr, sehr uniform. Der Anzug ist ein Kleidungsstück, das nicht schmücken soll, das den Körper hauptsächlich verhüllt, das sehr zweckmäßig ist, wenn man am Schreibtisch arbeitet, wenn man also kein Arbeiter ist.

Dass alle Männer Anzüge tragen bewirkt, dass niemand durch besondere Individualität hervorsticht. Es soll vermieden werden, dass jemand sich rein optisch absetzt von den anderen. Indem einer einen Anzug anzieht, reiht er sich (weltweit) in eine Gruppe ein, in das Heer der schwer arbeitenden Leistungsträger. Ein Anzugträger geht auf im Kollektiv. Nur Arbeiter und Handwerker tragen bei der Arbeit keinen Anzug.

Wer Anzug (manchmal mit T-Shirt oder Rollkragenpullover) trägt, gehört zu denen dazu, auf die gehört wird. Wer zu bestimmten Gelegenheiten nicht im Anzug erscheint, wird komisch angeschaut und isoliert.

Frauen sehen dagegen bei Versammlungen und bei der Arbeit immer individuell aus. Manche tragen Hosenanzug, manche Kostüm, Kleid, Rock und Pullover, hell, dunkel, bunt oder noch ganz anders – keine wie die andere. Sie zeigen sich als Individuen, sie bekommen aber fast nie gute Posten in der Arbeitswelt.

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Ein Museum bekommt einen neuen Eingang – und dann?

Gestern geriet ich mehr durch Zufall als durch Vorsatz in Aachen in eine Sitzung des Kulturausschusses. Das ist ein Politiker-Gremium, das die lokale Kultur steuert.
Es ging um das Ludwig Forum, das seit Jahren nicht mit den Besucherzahlen aufwarten kann, die es eigentlich vorweisen müsste. Der Inhalt des Hauses – Kunst im Wert von vielen Millionen Euro – ist in Ordnung. Personell und finanziell ist das Haus durch die Öffentliche Hand gut ausgestattet. Es stimmt soweit alles und stimmt doch nicht.
 
Das Ludwig Forum war mal eine Schirmfabrik (in den 30er Jahren) und ist jetzt ein Museum, Umbau: Professor Eller. Es befindet sich in Aachens ehemaligem Arbeiterviertel. Die Umgebung, also das ganze Aachen-Nord ist so heruntergekommen, dass es die Kriterien für eine ganz außergewöhnliche Förderung des Landes NRW erfüllt. Und das will was heißen.
 
Aber da liegt auch schon der Hase im Pfeffer: Das Ludwig Forum befindet sich einfach am falschen Platz. Ein Museum mit aktueller, moderner Kunst hätte mehr in die Innenstadt gehört, in die Nähe vom Eurogress beispielsweise. Oder in die Franzstraße, wo sich jetzt noch die Hauptschule, die bald geschlossen wird befindet. Oder, oder, oder.
 
Seit Jahren beklagen die Politiker den Besuchermangel. Auch sollte das Ludwig Forum die Stadt Aachen über ihre Grenzen hinaus bekannt machen bei Kunstfreunden, Architekten und so Leuten. Das funktioniert, ehrlich gesagt, gar nicht. Die Politik reagierte, legte ein Aufmotz-Programm auf für die Jahre 2011 bis 2014.
 
Zu dem Aufmotz-Programm gehört, dass die Eingangs-Situation verändert wird. Die sei nämlich grausam unschön, und die Interessenten fänden oftmals den Eingang nicht. Hat man erkannt. Um die Veränderung des Haupteingangs ging es in der Kulturausschuss-Sitzung. Knapp 300.000 Euro darf es kosten, einen neuen Eingang zu bauen – mit Museums-Shop und neu entworfenen Rollmöbeln, die 20.000 Euro kosten werden. Über dem neuen Eingang soll in großen Buchstaben das Wort „Eingang“ stehen, sehr einfallsreich, nicht wahr? Jeder Buchstabe kostet – nebenbei erwähnt – 1000 Euro, wenn ich nicht irre. 
 
Na ja. Ich frage mich, warum viele Jahre lang die Arbeiter den Eingang von der Schirmfabrik immer gefunden haben, wenn jetzt die Kunstfreunde auf der Straße stehen und den Eingang NICHT finden. Gleichwohl: Das Ding hat drei Eingänge, einen vom Parkplatz aus, der allerdings ewig rappelvoll ist mit den Autos der Menschen, die im Viertel wohnen, einen versteckten ganz nach hinten weg und eben den Haupteingang. 
 
Die moderne Kunst ist nicht jedermanns Sache, das ist mir klar. Und das Haus steht nun mal da, wo es eben steht. Um ein neues Museum zu eröffnen, etwa in der Franzstraße, anstelle der Hauptschule, die jetzt geschlossen wird, und um dann in die Schirmfabrik die Volkshochschule reinzupacken und den Bushof umzubauen, dazu fehlt das Geld. Aber dass die ganzen Maßnahmen es nicht bringen werden, scheint mir offensichtlich. 
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Aus einem Bunker in Aachen soll Wohnraum werden

Auch ein Vertreter der Aachener Piratenpartei hat an der Info-Runde im RWTH Hauptgebäude teilgenommen. Dabei ging es vordergündig um „Erhalt oder Abriss des Lousberg-Bunkers“.
 
Nach dem dreistündigen Meinungs-Marathon hatten viele Anwesende allerdings den Eindruck, dass hier nicht die Meinung der Bürgerinnen und Bürger abgefragt werden sollte, sondern dass mal wieder die Menschen lediglich informiert wurden. Und zwar über das, was für die Stadtverwaltung Aachen und den Investor längst eine abgemachte Sache ist. 
 
Dabei ist mir zum Beispiel nichts lieber, als dass in der alten Kaiserstadt endlich Wohnraum geschaffen wird. Ob es unbedingt „hochwertige Stadthäuser“ sein müssen oder Eigenrumswohnungen, die sich nur  sehr wenige Menschen in Aachen werden leisten können, sei dahingestellt. Auf gar keinen Fall hinnehmbar ist aber wieder das Verfahren, mit dem sich die Anwohner konfrontiert sehen: In nichtöffentlicher Sitzung haben Politiker im zuständigen Ausschuss den Abriss des Bunkers durchgewunken. Kein Wunder, dass jetzt die Bürger Sturm laufen. Wann kapiert man in Aachen endlich: So geht das nicht. 
 
Die Uebergangshymne unterstützt die Bürgerinitiative Lousberg-Bunker. Dabei steht für mich nicht so sehr der historische Wert des Bauwerks im Vordergrund, sondern die Art und Weise, wie es zu dem Verkauf des Grundstücks an den Investor gekommen ist: Über die Köpfe der Menschen hinweg. Die Anwohner haben – nebenbei erwähnt – durchaus gute Argumente dafür, dass der Beton-Koloss als Denkmal erhalten blieben muss.
 
Verschiedene Zuhörer und Zuhörerinnen konnten übrigens insbesondere den Auftritt des Herrn von der Bauaufsicht der Stadt Aachen nicht billigen. Seine Erklärung, warum die Stadt dem Investor schon vor dem Bauantrag eine Abrissgenehmigung erteilt hat, wurde nicht nachvollzogen und war ein einziges Ärgernis.  

 

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Interview mit Marc Salgert, Direktkandidat in Aachen

Marc Salgert (38) ist Direktkandidat der Piratenpartei in Aachen, Wahlkreis 87, Aachen I, und Listenkandidat (Platz 25). Er hat der „Übergangshymne“ freundlicherweise ein Interview gegeben. Musste sich dabei, das war vorgegeben, kurz fassen.

Frage: Herr Salgert, es heißt ja immer, die Piraten hätten gar kein Programm? Haben Sie denn nun eins oder nicht?

Antwort: Wir haben in den vergangenen 12 Monaten ein umfangreiches Programm mit immerhin 166 Seiten zusammengestellt. Da decken wir alle gesellschaftlich relevaten Themenbereiche ab. Jeder kann das Programm auf unserer Homepage sehen. Die Adresse ist: http://www.piratenpartei.de

Frage: Welche Punkte sind Ihnen in dem Programm die wichtigsten?
Antwort: Das Bedingungslose Grundeinkommen, das ist genau mein Thema. Da geht es um die gesellschaftliche Teilhabe aller, indem man allen Menschen ohne Unterschied einheitlich einen Grundbetrag zum Lebensunterhalt auszahlt.

Frage: Warum soll jemand denn eigentlich im September die Piratenpartei wählen?
Antwort: Die etablierte Politik kann, selbst wenn sie die drängenden Probleme unserer Zeit überhaupt erkennen würde, diese nicht lösen. Dazu braucht es neue Ideen, neue Köpfe, neue Methoden. Man kann die Probleme nicht mit denselbsten Denkweisen lösen,durch die sie entstanden sind.

Frage: Das klingt mir etwas diffus. Von welchen Problemen reden wir hier überhaupt?
Antwort: Vom NSA-Überwachungsskandal, von den sozialen Ungerechtigkeiten in unserem Land, von fehlenden Chancen in Bildung und Ausbildung, von Transparenz in Politik und Verwaltung, von fehlenden Gesetzen gegen Abgeordnetenbestechung, konkret von der systematischen Blockade der Umsetzung eines UN-Abkommens gegen Abgeordneten-Bestechung, das Deutschland schon 2003 unterzeichnet hat.

Frage: Bisher dümpelt Ihre Partei ja bei drei Prozent rum. Ist das nicht frustrierend? Wie kann man da noch Wahlkampf machen?
Antwort: Wir sind optimistisch. Wir haben schon oft in Wahlkämpfen unsere Stärken gezeigt und unsere Themen an den Mann und die Frau bringen können. Das wird uns auch dieses Mal wieder gelingen.

Frage: Herr Salgert, die Piraten wollen, dass man sich alles kostenlos im Internet runterladen kann. Wann haben Sie zuletzt etwas raubkopiert?
Antwort: Also zunächst wollen wir mal die Urheber stärken und das Urheberrecht reformieren. Das bedeutet nicht, dass alles umsonst sein soll. Sondern dass die Einnahmen von Kunst- und Kulturschaffenden gerecht verteilt werden, dass diese Leute gerecht an den Einnahmen beteiligt werden. Und: Ich bezahle für meine Inhalte, ich raubkopiere nicht. Allerdings müssen wir uns mit der Realität auseinandersetzen, und die ist so, dass mittlerweile eine ganze Generation nicht mehr bereit ist, für Medieninhalte horrende Preise zu bezahlen.

Frage: Die Energiewende ist in aller Munde. Wie ist eigentlich die Position der Piraten zu dem Thema?
Antwort: Die Piraten lehnen das sogenannte Fracking ab, wie wir insgesamt die Förderung fossiler Brennstoffe mit unkonventionellen Methoden ablehnen. Außererdem setzt sich meine Partei dafür ein, die Energiegewinnung durch Kernspaltung zu beenden. Wir halten Kernenergie für die teuerste Form der Energiegewinnung und lehnen sie ab. Ich bin der Meinung, dass die Energiewende gute Chancen hat zu gelingen.

Letzte Frage: Was bedeutet eigentlich Ihr Wahlkampf-Motto „Wir stellen das mal in Frage.“? Politiker sollen doch eigentlich Antworten geben und den Bürgern keine Fragen stellen.
Antwort: Wir stellen die aktuell übliche Form, Politik zu machen in Frage. Weil sie die Bürgerinnen und Bürger nicht mitnimmt, sie nicht einbezieht. Die Menschen nur alle vier Jahre einmal zu befragen, das ist zu wenig. Generell ist es heutzutage wichtiger, die richtigen Fragen zu stellen, als vorschnell mit einem Haufen Antworten gelaufen zu kommen, wie wir das von der etablierten Politik kennen.

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Style und Zahlen

In Berlin ist Wahlkampf und ich bin hin. Von Montag bis Sonntag gab es volles Programm, wobei ich gleich Montag nach sechs Stunden Zugfahrt in die Geschäftsstelle in der Pflugstraße (p9) gefegt bin.

Dort wollte ich Info-Material zum Verteilen bekommen und Aufklärung darüber, warum Jörg Tauss dort plötzlich Hausverbot erhalten hat. Es gab Flyer und Kaperbriefe, die ich in großer Zahl aus der Geschäftsstelle in die nächste Kneipe schleppte. Zum Hausverbot wurde mir erklärt (falls ich das richtig verstanden haben), dass Jörg sich angeblich nicht abhalten lässt, im Wahlkampf zu helfen und dass das wegen seines immer noch schlechten Images mehr schädlich als nützlich sein würde. Man nahm sich Zeit, um mir das zu erklären. Immerhin.

Ich habe dort schon klargemacht, dass ich das Mittel “Hausverbot” für völlig unangemessen halte (definitiv not my style). Von Stefan Urbach, der das Hausverbot verhängte, werde ich mich in Zukunft ganz fernhalten. Wieder wurde bestätigt: Wer sich quasi heldenhaft für Demokratie in fernen Ländern und zuhause einsetzt, kann im persönlichen Umgang ein Arschloch sein. Ein Riesenarschloch.

Am nächsten Tag ging es gleich los in den Wahlkreis von Fabio. Kreuzberg, Kottbusser Tor. Was mir erklärt worden war, passierte haargenau: Keiner wollte Infos, doch fast immer, wenn ich sagte “Infos von der PIRATENPARTEI” drehten sich die Leute um und meinten: “Ach doch, geben Sie mal her.”
Ich hatte am Kottbusser Tor eine Ecke erwischt, wo viele Leute vorbeikamen, die bisher immer Grün gewählt haben und jetzt mal was anderes wollten. Der Eindruck verfestigte sich von Tag zu Tag.

Nachmittags war alles Infomaterial weg, und ich habe mir das Quartier 206 angesehen. Der teuerste Luxusschuppen, den ich je sah. Ich sage nur: Pullis für 800 Euro. Tja, so was muss man sich auch mal anschauen. Die Textilien werden ausgestellt wie Kunstwerke. Sind es vielleicht Kunstwerke? Nein. Dieses Quartier wirkte kalt und unfroh. Eleganz ist also doch nicht immer schön und angenehm.

Abends holte ich mir in der Piraten-Geschäftsstelle weiteres Info-Material, ich trank am dritten Abend viel Bier bei Hackethals, und wir sahen uns in der p9 die neueste Wahlprognose an. 6,5 Prozent. In dem Moment hat jeder kapiert, dass es jetzt wirklich ernst wird.
Ich habe dort auch mit mehreren Piraten über den Auftritt des Spitzenkandidaten beim rbb (Berliner TV) diskutiert. Dieses Desaster war am Ende gar kein Desaster (das kann ich jetzt aus der Rückschau sagen), denn was er nicht wusste, hatte er bei späteren Fragen besonders gut drauf und jeder konnte erkennen: Piraten lernen verdammt schnell.

Ich versuchte zu erklären, dass – wenn man auch nur ein Füßlein in die Politik stellen will – man wissen muss: Wie steht es mit der Kohle? Was kommt jedes Jahr rein in die Kasse? Was muss bezahlt werden? Wie viel wurde angespart oder wie viel Schulden sind da? Und bei den Ausgaben MUSS man wissen: Welches sind die dicksten Batzen? Was kostet uns am meisten, wo geht eigentlich unser ganzes Geld hin?
Das muss man nicht bis auf den letzten Euro genau wissen, aber so ungefähr. Quasi so, wie man es vom eigenen Haushalt auch weiß: Was nehme ich ein, wie viel Geld habe ich überhaupt im Monat zur Verfügung, was gebe ich aus für Miete, Ernährung, Telefon, Auto usw. und wie viele Euros brauche ich mindestens zum Überleben?

Wenn man in einer Gemeinde, Stadt, im Landtag oder im Bundestag Politik machen will, muss man die Situation der Kasse kennen (kann man googlen). Das versuchte ich klar zu machen. Mir wurde sinngemäß gesagt, das könne man nie wissen, alles sei zu kompliziert. Das wurde mir auch schon in Aachen von Piraten gesagt, dass der Haushalt zu kompliziert sei. Man hat gerade den Eindruck, die Piraten sind Leute, die Angst vor dem Umgang mit Zahlen haben.

Dabei ist so ein Haushalt von Menschen gemacht, die nicht klüger sind, als der Durchschnitt. Es ist KEINE Sache, die nur Nobelpreisträger verstehen, das versteht jeder: Eine von normalen Menschen gebaute Aufstellung von Summen halten die Piraten für zu kompliziert??? Das darf ja wohl nicht wahr sein.
Alles steht und fällt mit dem Geld. Das haben die Piraten noch längst nicht kapiert. Man muss aber bedenken, dass gerade bei den Finanzen die Regierenden immer so tun, als brauchte man sich dafür nicht zu interessieren, sie hätten schon alles im Griff und an den wachsenden Schulden sei leider nichts zu ändern. Alles ein blödes Gequatsche.

In Kneipen und Geschäften in Kreuzberg war auch das Interesse an Info-Material über die Piraten groß. Es hatte sich echt gelohnt, dass ich hingefahren bin.

Freitags ging es zu einer für mich interessanten Diskussion bei der grünen Heinrich-Böll-Stiftung. Mit dabei: BKA-Chef Ziercke, die grünen Bundestagsabgeordneten Konstantin von Notz und Volker Beck und der oberste deutsche Datenschützer Peter Schaar. Alle vier Herren habe ich erstmals life erlebt. Ich fand alle ihre Redebeiträge sehr spannend. Rena Tangens war auch auf dem Podium. Eine von Deutschlands interessantesten Frauen.
Ziercke will wissen, wer hinter einer IP-Adresse steckt. Er sprach von relevanten sozialschädlichen Straftaten, die begangen würden, und die Täter will er fassen. Na ja. Ziercke wurde vieles vorgeworfen, es ist aber nicht davon auszugehen, dass er etwas davon ernst nimmt.

Samstags ging es dann zur Freiheit statt Angst – Demo. Deutlich weniger Teilnehmer als im Vorjahr. Vor allen: weniger Piraten. Dafür mehr Grüne, mehr FDP-Junioren. Christopher Lauer hatte kurz zuvor verlauten lassen, er werde an der Demo nicht teilnehmen. Fand ich sehr enttäuschend.

Es ergab sich noch das ein oder andere interessante Gespräch. Ich bin längst wieder zu Hause gespannt auf die Wahl am kommenden Sonntag. Nächstes Mal werde ich im Flugzeug nach Berlin reisen. Das Sitzen im Zug ist mir einfach zu langweilig.

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Das möchte man einfach mal wissen

Als ich mal die ein oder andere Diskussionsveranstaltung besuchte, stellte sich heraus, dass eigentlich kein Menschen genau weiß, wie es den Jugendlichen im Netz ergeht. Und was sie über Internet-Kompetenz denken. Da dachte ich, ich frag mal einen Jugendlichen.

So. Dann habe ich einen 17-Jährigen gefragt:
1. Wie schätzt du die Internet-Kompetenz deiner Lehrer ein?
Er sagte „mangelhaft“, und zwar die aller Lehrer an seinem Gymnasium in einer Stadt in Nordrhein-Westfalen. Sogar die Internet-Kompetenz seines Informatiklehrers sei mangelhaft. Der kommuniziere zwar mit Schülern über facebook, das mache die Sache aber nicht besser.

Die nächste Frage war: 2. Wie schätzt du die Internet-Kompetenz deiner Jahrgangsstufe ein?
In seiner Jahrgangsstufe seien über 100 Leute, sagte er. Und der Großteil „liest nicht mehr als einmal im Monat seine Mails“. Er nimmt an, dass seine Schule keine Ausnahme ist.
Ja, das fand ich sehr verwunderlich, aber ich gebe es hier mal so wieder, wie es mir gesagt wurde. Dazu müsste man eigentlich noch sagen, was mit Internet-Kompetenz gemeint ist. Früher bedeutete es, wie Sixtus sagt, „dass man weiß, dass die Bildzeitung lügt“. Heute weiß keiner mehr, was es eigentlich heißt. Trotzdem verwenden wir das Wort ohne Unterlass. So auch hier.
Die nächste Frage lautete: 3. Gibt es an deiner Schule ältere Schüler, die organisiert jüngeren Schülern helfen beim Umgang mit dem Internet?
Nein, sagte er. Und er sei auch nicht daran interessiert, so etwas an seiner Schule ins Leben zu rufen. Er halte die Leute für inkompetent und nicht interessiert an so etwas wie Kompetenz im Internet (hier im Sinne von Lebenskompetenz) zu gewinnen. Sie seien nur an facebook und chatten und schueler.cc interessiert.
Die nächste Frage 4. Falls ja, wer organisiert das? Die Schüler selbst? Die Lehrer? Die Eltern?
Die entfällt. Und deshalb hier Frage Nummer 5. Wie schätzt du die Ausstattung an deiner Schule ein (Rechner, Netzzugang, W-Lan) , mit der ihr ins Internet gelangen könnt?
Ja, es gebe Computerräume, so war zu erfahren. Aber software-technisch „ist es der absolute Müll“. Standart-Browser sei Windows 7.

Weiter ging es mit 6. Interessieren dich die Diskussionen um Jugendschutz im Internet? Antwort habe ich mal wörtlich mitgeschrieben: „Ja, aber sie machen mich aggressiv. Die Leute, die darüber sprechen scheinen keine Ahnung zu haben, worüber sie sprechen. Und sie scheinen, besonders Politiker, selber nie jung gewesen zu sein“.
Also das kann ich verstehen. Mich machen auch die Diskussionen über Jugendschutz im Internet aggressiv. Zumal sie nie mit Jugendlichen geführt werden. Sondern immer mit so schnieken Typen, die ihr ganzes bisherigen Leben damit verbracht haben, eine Politik-Karriere aufzubauen. Die haben in ihrem Leben nicht drei Stunden mit einem Teenager geredet. So sehen die aus. Echt wahr. Achtet mal drauf.
Einmal konnte man beim Politcamp in Bonn drei 17-Jährige befragen. Zu hören war, dass die Situation in den Schulen eine einzige Katastrophe ist und das Internet, wenn überhaupt vorhanden, dann zensiert ist.

Frage 7. Ist in deiner Schule der Zugang zum Internet zensiert?
Ja, lautete die Antwort auch in diesem Fall. Ich wurde darüber informiert, dass es ein Programm mit dem Namen „time for kids“ gibt. Da können die Schulen noch zusätzlich bestimmte Seiten unzugänglich machen. Und darüber sei, so sagte er, zum Beispiel die Piratenpartei nicht zu erreichen.
Daraufhin haben wir uns verschiedene Kinder- und Jugendlichen Seiten angesehen, eine lächerlicher als die andere, da müssen sich ja schon aufgeweckte 12-Jährige voll verarscht vorkommen.

Nächste Frage: 8. Gibt es etwas, wovor Kinder und Jugendliche im Internet geschützt werden sollen? Wenn ja, wovor? Und wie könnte das geschehen? Und Frage 9. Jetzt nur mit ja oder nein antworten: Gibt es etwas, was du im Internet gesehen hast, wovon du denkst, dass du das lieber nicht gesehen hättest? Die Antwort beide Male ein klares „Nein“.

Die Antwort auf die letzte Frage ist. „Die Idee finde ich nicht gut.“. 10. Was hältst du von der sozialdemokratischen Idee, dass Jugendliche einen “Internet-Führerschein” machen sollen? Er meinte: Dieser Internet-Führerschein werde ja dann doch wieder von Leuten gemacht, die selbst keine Ahnung hätten und nicht wirklich wissen, wovon die Rede ist.

Resümee: Diese nicht repräsentative Befragung ernüchtert. Ich schlage vor, dass man die Lehrer ganz vergisst und jede Schule die Jugendlichen arbeiten lässt. Völlig frei sollen die, die wirklich an den Möglichkeiten, Irrtümern, Wissens-Ozeanen und Menschen im Netz interessiert sind, eine AG gründen. Zu welchem Zweck und Ziel sollen sie selbst bestimmen. Und natürlich sollen sie sich frei im Netz bewegen dürfen.
Da käme bestimmt was Tolles raus.

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Zehn Fragen für Schüler und Schülerinnen

Minderjährige sollten mal folgende Fragen beantworten:

1. Wie schätzt du die Internet-Kompetenz deiner Lehrer ein?

2. Wie schätzt du die Internet-Kompetenz deiner Jahrgangsstufe ein?

3. Gibt es an deiner Schule ältere Schüler, die organisiert jüngeren Schülern helfen beim Umgang mit dem Internet?

4. Falls ja, wer organisiert das? Die Schüler selbst? Die Lehrer? Die Eltern?

5. Wie schätzt du die Ausstattung an deiner Schule ein (Rechner, Netzzugang, W-Lan) , mit der ihr ins Internet gelangen könnt?

6. Interessieren dich die Diskussionen um Jugendschutz im Internet?

7. Ist in deiner Schule der Zugang zum Internet zensiert?

8. Gibt es etwas, wovor Kinder und Jugendliche im Internet geschützt werden sollen? Wenn ja, wovor? Und wie könnte das geschehen?

9. Jetzt nur mit ja oder nein antworten: Gibt es etwas, was du im Internet gesehen hast, wovon du denkst, dass du das lieber nicht gesehen hättest?

10. Was hältst du von der Sozi-Idee, das Jugendliche einen “Internet-Führerschein” machen sollen?

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„Nicht schuldig“

Heute hat sich Strauss-Kahn in New York für “nicht schuldig” erklärt. Nach Kachelmann interessiert dieser Fall, und hier wird auch künftig darüber berichtet.

Wenn man unschuldig ist, kann es schwierig werden, vor einem US-Geschworenen-Gericht zu stehen. Da möchte man doch lieber in Deutschland vor den Schranken des Gerichts erscheinen. In Deutschland muss auch der Ankläger, der Staatsanwalt, nach Gründen suchen, die den Angeklagten entlasten. Das muss der Staatsanwalt in den USA nicht.

Dabei: Für Kachelmann hat der Staatsanwalt in Deutschland für schwere Vergewaltigung vier Jahre gefordert. In den USA soll Strauss-Kahn “nur” wegen versuchter Vergewaltigung für Jahrzehnte in den Knast. Ich bin nicht ganz im Bilde, aber wie es scheint, geht es in den USA allein um Vergeltung. Dort werden hohe Strafen ausgesprochen.

Die hohen Strafen sollen abschrecken, was aber nicht funktioniert. Überhaupt nicht, wie man sehen kann. Im Verhältnis sind in den USA viel mehr Menschen im Knast als bei uns. Und die Kriminalität scheint mir in Good Old Germany doch niedriger zu sein, als in den USA.

Wie dem auch sei: Kachelmann ist frei, man konnte ihm nichts beweisen. Strauss-Kahn wird Gegenstand von Kämpfen zwischen den Anwälten und den Anklägern werden, die sich profilieren wollen. So, als ginge es nicht um einen Menschen aus Frankreich, sondern um zwei Amerikaner und ihre Karrieren.

In Frankreich gingen irgendwo schon hunderte Frauen auf die Straße mit dem Slogan “Wir sind alle Zimmermädchen”. Das war auch eine Reaktion auf so niederschmetternde Einschätzungen von Politikern und Philosophen, die meinen: Das Zimmermädchen soll sich mal nicht so anstellen, es sei ja schließlich niemand zu Tode gekommen.

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pc11 in Bonn

“Der Welt erzählen, was passiert.” Das muss möglich sein, denken wir. Und das erwarten wir auch von denen, die reisen können, mutig und unabhängig sind. Und wenn in einem Land das Internet abgeschaltet wird, dann möchten wir, dass von Europa aus ein Netz eingerichtet wird. Auch wenn es nur via Uralt-Modems funktioniert.
Darüber sprachen wir beim PolitCamp11, das wir Samstag und Sonntag in Bonn besuchten und von dem wir mit vielen neuen Eindrücken zurückkamen.

Bonn ist eine schöne Stadt geworden und geblieben. Am Rhein zumindest gibt es tolle Parkanlagen. Man hat den Eindruck, dass sich dort um jeden einzelnen Grashalm gekümmert wird. In Bonn beim pc11 durften wir uns in sehr schönen, hellen, eleganten Räumen aufhalten, sehr wohltuend.

Was uns am meisten interessierte, war mal wieder die Presse- und Meinungsfreiheit. Und zwar die im “Lebensraum Internet”, denn nach diesem pc11 haben wir jetzt definitiv kapiert, dass das Internet kein Medium ist, sondern ein Raum, der unseren Lebensraum um eine krasse Ecke erweitert. Das Internet ist ein Lebensraum, der sich unserem alten, wohlbekannten Lebensraum hinzugesellt hat. So dass wir jetzt zwei Lebensräume haben und das ist schön. Zwei ist besser als einer.

Massive Kritik gab es an der Nicht-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen, die bei der tunesischen Revolution sehr spät eingestiegen sind und bei spanishrevolution fast gar nicht. Das kann so nicht weitergehen. Unser Vorschlag: Wenn wir Berichte wollen, müssen wir jemand bezahlen, der beispielsweise nach Madrid fährt und berichtet. Für diese Idee konnten wir erste Interessenten finden.

Dann ging es um Halal-Internet, wie es der Iran sich wünscht. Und um das zivilisierte Internet, wie es Sarkozy haben möchte. Beides ist sehr ähnlich und von allen befreit, was gläubige Moslems ablehnen, insbesondere natürlich von Pornografie. Es ist ein durch und durch zensiertes Internet, das besser als wir selbst weiß, was uns gut tut und was uns schadet.

Davon, dass die Amerikaner meinen, auf einen Angriff aus dem Internet auf ihre staatlichen Strukturen würden sie mit realen Waffen reagieren, war die Rede. Und inwiefern da das Selbstverteidigungsrecht gilt, obwohl man meist nicht genau weiß, wer den Angriff gestartet hat. Von der Internet-Enquete-Kommission war auch die Rede, doch diese Totgeburt interessiert uns gar nicht mehr. Auch die dauernde Rede von der Medienkompetenz nicht. Soll doch jeder selbst schauen, wie er im Netz kompetent wird, es gibt schließlich genug Möglichkeiten, und die Kids bringen es sich schon selbst bei.

Da stellt sich die Frage, ob wir immer so weiter nette Diskussionsrunden veranstalten oder nicht doch mal was machen müssen. Angesichts von Halal-Internet, “zivilisiertem Internet” und vds von Brüssel gewollt, ACTA und Netzsperren und INDECT. Müssen wir uns nicht mal eine konzertierte, coole Aktion ausdenken, die nicht übersehen werden kann?

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Alice Schwarzer ist die große Verliererin

Freispruch. Freispruch für Jörg Kachelmann. Der dürfte damit aus dem schlimmsten Albtraum erwacht sein, den es je für ihn gab.
Die Klägerin wird furchtbar leiden. Doch im Grunde kennt niemand ihr Gesicht, ihr Gesicht war nicht in den Medien. Sie kann in der Anonymität verschwinden.
Anders Herr Kachelmann, über den wir nun alle Dinge wissen, die uns gar nichts angehen. Er wird wohl auch mitsamt seiner Firma über die schlimmen Wochen und Monate hinwegkommen.
In dem ganzen Drama gibt es eine Person, die ist wirklich nachhaltig zu Schaden gekommen, die hat sich ruiniert und ihrem Lebenswerk einen schweren Kratzer versetzt: Alice Schwarzer ist die große Verliererin. Sie hat für die BILD berichtet und bis zuletzt nicht kapiert, dass der Kachelmann nicht wegen seiner Art des Umgangs mit Frauen vor Gericht stand, sondern weil er eines Verbrechens beschuldigt wird, wo die Hauptzeugin von Gutachtern der Lüge bezichtigt wird.

Nachdem nun Journalisten und Gutachter sich 44 Verhandlungstage lang wichtig tun durften, steht eines fest: Die Staatsanwaltschaft hatte ein Gutachten in Auftrag gegeben, und noch bevor das Gutachten fertig war, hat sie Anklage erhoben. Hätte sie mal ihr eigenes Gutachten abgewartet, dann das Opfer mit dem Ergebnis konfrontiert, nämlich dass das Opfer gelogen hat, dann hätte man sehen müssen, wie das Opfer reagiert und dann wäre es vermutlich gar nicht zur Anklage gekommen.

So hat die Staatsanwaltschaft Fehler gemacht. Noch dazu sind immer wieder Einzelheiten aus den Akten an die Öffentlichkeit gelangt. Alles keine Sternstunde für unser Rechtssystem.

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